Therapieprotokoll: Der König, Vater von Allerleirauh

Psychoanalytische Sitzung – 9. Stunde

Therapeut: Sie sagten am Ende der letzten Stunde, Sie hätten „nur ein Versprechen erfüllen wollen“. Wollen wir dort wieder einsetzen?

König: Wenn Sie darauf bestehen.

Therapeut: Ich bestehe nicht. Ich frage, ob dieser Satz heute noch stimmt.

König: Er stimmt und stimmt nicht.

Therapeut: Das klingt, als sei etwas in Bewegung geraten.

König: Meine Frau starb. Sie verlangte von mir, ich solle nur wieder heiraten, wenn die neue Gemahlin ihr vollkommen gleiche.

Therapeut: Was bedeutete dieses Versprechen für Sie?

König: Treue.

Therapeut: Auch nach ihrem Tod?

König: Besonders nach ihrem Tod.

Therapeut: Und zugleich war es ein Auftrag.

König: Ein königlicher Auftrag ist leichter zu erfüllen als ein letzter Wunsch einer Sterbenden.

Therapeut: Was machte ihn so schwer?

König: Dass niemand ihr glich.

Therapeut: Niemand?

König: Niemand. Die Gesandten suchten in allen Reichen. Prinzessinnen, Herzoginnen, Witwen, entfernte Cousinen. Alle hatten irgendeinen Mangel.

Therapeut: Welchen Mangel?

König: Sie waren nicht sie.

Therapeut: Ihre Frau.

König: Ja.

Therapeut: Könnte es sein, dass Sie nicht nach einer neuen Frau suchten, sondern nach der Toten?

König: Das klingt unsachlich.

Therapeut: Vielleicht. Oder sehr präzise.

König: Ich war in Trauer.

Therapeut: Und in der Trauer kann der Wunsch entstehen, den Verlust ungeschehen zu machen.

König: Ich bin König. Ich bin daran gewöhnt, dass Dinge geschehen, wenn ich sie anordne.

Therapeut: Auch gegen die Wirklichkeit?

König: Besonders gegen die Wirklichkeit.

Therapeut: Was geschah, als Ihre Tochter älter wurde?

König: Sie ähnelte ihrer Mutter.

Therapeut: In welcher Weise?

König: Gesicht. Haltung. Stimme. Manchmal sah sie mich an, und ich fühlte mich nicht mehr allein.

Therapeut: Sie fühlten sich getröstet.

König: Ja.

Therapeut: Und dieser Trost wurde gefährlich.

König: Sie formulieren das sehr direkt.

Therapeut: Ich versuche, nicht auszuweichen.

König: Das tat am Hof sonst jeder.

Therapeut: Was wurde am Hof nicht ausgesprochen?

König: Dass mein Entschluss falsch war.

Therapeut: Ihr Entschluss, Ihre Tochter heiraten zu wollen.

König: Ja.

Therapeut: Wie ist es, diesen Satz hier zu hören?

König: Unangenehm.

Therapeut: Was genau daran?

König: Dass er nicht königlich klingt. Er klingt krank.

Therapeut: Vielleicht klingt er menschlich beschädigt.

König: Das ist kaum besser.

Therapeut: Aber vielleicht wahrer.

König: Ich habe mir eingeredet, es sei eine Frage des Versprechens.

Therapeut: Und heute?

König: Heute vermute ich, dass ich das Versprechen benutzt habe.

Therapeut: Wofür?

König: Um meinen Wunsch nicht als meinen Wunsch erkennen zu müssen.

Therapeut: Das ist eine wichtige Unterscheidung.

König: Ich hasse wichtige Unterscheidungen.

Therapeut: Weil sie Verantwortung verlangen?

König: Ja.

Therapeut: Wie reagierte Ihre Tochter?

König: Sie verlangte Kleider. Eines wie die Sonne, eines wie der Mond, eines wie die Sterne.

Therapeut: Was dachten Sie?

König: Dass sie zögerte.

Therapeut: Nicht, dass sie sich schützen wollte?

König: Damals nicht.

Therapeut: Und heute?

König: Heute sehe ich, dass sie versuchte, mir Zeit zur Besinnung zu geben.

Therapeut: Haben Sie die Zeit genutzt?

König: Nein. Ich ließ die Kleider anfertigen.

Therapeut: Was empfinden Sie dabei?

König: Scham.

Therapeut: Bleiben Sie einen Moment bei diesem Gefühl.

König: Es ist schwer.

Therapeut: Wovor schützt Sie die Scham?

König: Vor etwas Schlimmerem.

Therapeut: Was wäre schlimmer?

König: Zu sehen, dass meine Tochter Angst vor mir hatte.

Therapeut: Das trifft Sie.

König: Natürlich trifft es mich. Ich war ihr Vater.

Therapeut: Genau.

König: Sie floh.

Therapeut: Wie erlebten Sie ihre Flucht?

König: Zuerst als Verrat.

Therapeut: Verrat an wem?

König: An mir. Am Reich. An der Ordnung.

Therapeut: Und heute?

König: Als Rettung.

Therapeut: Ihre Rettung oder ihre?

König: Ihre. Vielleicht auch meine, wenn ich ehrlich bin.

Therapeut: Inwiefern Ihre?

König: Sie entzog sich mir, bevor ich endgültig zu dem Mann wurde, der ich beinahe geworden wäre.

Therapeut: „Beinahe“?

König: Sie achten auf jedes Wort.

Therapeut: Das ist leider Teil meiner Arbeit.

König: Ich sage „beinahe“, weil ich den Gedanken nicht zu Ende bringen will.

Therapeut: Welchen Gedanken?

König: Dass ich die Grenze bereits überschritten hatte, als ich den Wunsch aussprach.

Therapeut: Ja.

König: Sie sagen nur „ja“?

Therapeut: Mehr wäre im Moment vielleicht eine Flucht.

König: Dann bleiben wir wohl dort sitzen.

Therapeut: Was hätten Sie Ihrer Tochter damals sagen müssen?

König: Dass ich trauere.

Therapeut: Noch?

König: Dass sie nicht ihre Mutter ist.

Therapeut: Noch?

König: Dass ich sie schützen muss, auch vor mir.

Therapeut: Wie fühlt sich dieser Satz an?

König: Er zerstört mein Selbstbild.

Therapeut: Welches Selbstbild?

König: Der gerechte König. Der liebende Vater. Der Mann, der nur ein Versprechen hielt.

Therapeut: Vielleicht waren Sie ein trauernder Mann, der seine Macht benutzte, um seine Trauer nicht fühlen zu müssen.

König: Das klingt weniger monströs.

Therapeut: Und weniger entschuldigend.

König: Ja. Das ist das Unangenehme daran.

Therapeut: Was haben Sie verloren, als Ihre Frau starb?

König: Meine Gemahlin.

Therapeut: Und noch?

König: Meine Spiegelung.

Therapeut: Ihre Spiegelung?

König: Sie sah mich nicht nur als König. Bei ihr war ich ein Mensch.

Therapeut: Und ohne sie?

König: War ich wieder nur Amt, Krone, Befehl.

Therapeut: Könnte Ihre Tochter dann zu einer Art Spiegel geworden sein?

König: Ja.

Therapeut: Einer, den Sie nicht als eigenes Wesen sehen konnten.

König: Das ist der grausame Teil.

Therapeut: Welcher?

König: Ich nannte es Liebe und sah doch nicht sie.

Therapeut: Was sahen Sie?

König: Die Rückkehr meiner Frau. Die Rückkehr meiner Jugend. Die Rückkehr einer Welt, in der nichts verloren war.

Therapeut: Eine unmögliche Rückkehr.

König: Ja.

Therapeut: Was nehmen Sie heute aus der Stunde mit?

König: Dass mein Verbrechen nicht erst im Begehren lag.

Therapeut: Sondern?

König: Im Verwechseln.

Therapeut: Wen mit wem?

König: Meine Tochter mit meiner Frau. Liebe mit Besitz. Trauer mit Recht.

Therapeut: Das sind schwere Einsichten.

König: Könige sind an Gewicht gewöhnt. Nur nicht an dieses.

Therapeut: Welche Frage bleibt für Sie offen?

König: Ob ein Vater, der sein Kind nicht gesehen hat, irgendwann lernen kann, es wenigstens in der Erinnerung richtig zu sehen.

Therapeut: Das scheint mir eine angemessene Frage für die nächste Stunde.

König: Dann werde ich sie wohl mitbringen müssen.

Therapeut: Ja.

König: Ohne Krone?

Therapeut: Das wäre einen Versuch wert.