
Psychoanalytische Sitzung – 17. Stunde
Therapeut: Beim letzten Mal sagten Sie einen Satz, der mir im Gedächtnis geblieben ist.
Prinzessin Mäusehaut: Welchen?
Therapeut: „Manchmal wünsche ich mir, ich hätte einfach Zucker gesagt.“
Prinzessin Mäusehaut: Das denke ich tatsächlich noch gelegentlich.
Therapeut: Erzählen Sie davon.
Prinzessin Mäusehaut: Mein Vater war König. Eines Tages fragte er seine drei Töchter, wie sehr wir ihn liebten.
Therapeut: Wie alt waren Sie damals?
Prinzessin Mäusehaut: Alt genug, um ehrlich zu sein. Zu jung, um die Folgen abzuschätzen.
Therapeut: Was antworteten Ihre Schwestern?
Prinzessin Mäusehaut: Die Älteste sagte, sie liebe ihn wie Gold. Die Zweite wie Edelsteine.
Therapeut: Und Sie?
Prinzessin Mäusehaut: Ich sagte, ich liebe ihn wie das Salz.
Therapeut: Was bedeutete Salz für Sie?
Prinzessin Mäusehaut: Das Wichtigste überhaupt.
Therapeut: Wirklich?
Prinzessin Mäusehaut: Natürlich. Ohne Gold kann man leben. Ohne Salz wird jedes Mahl unerquicklich.
Therapeut: Das klingt sehr pragmatisch.
Prinzessin Mäusehaut: Ich war schon immer die Praktische.
Therapeut: Wie reagierte Ihr Vater?
Prinzessin Mäusehaut: Schlecht.
Therapeut: Schlecht?
Prinzessin Mäusehaut: Er war beleidigt.
Therapeut: Weil er die Bedeutung nicht verstand?
Prinzessin Mäusehaut: Weil er hörte, was er hören wollte.
Therapeut: Was hörte er?
Prinzessin Mäusehaut: „Du bist gewöhnlich.“
Therapeut: Und was wollten Sie sagen?
Prinzessin Mäusehaut: „Du bist unentbehrlich.“
Therapeut: Ein bemerkenswerter Unterschied.
Prinzessin Mäusehaut: Ja.
Therapeut: Was geschah dann?
Prinzessin Mäusehaut: Er verstieß mich.
Therapeut: Unmittelbar?
Prinzessin Mäusehaut: Könige treffen Entscheidungen gern in dramatischen Augenblicken.
Therapeut: Das erschwert familiäre Kommunikation.
Prinzessin Mäusehaut: Erheblich.
Therapeut: Wie fühlten Sie sich?
Prinzessin Mäusehaut: Verraten.
Therapeut: Von Ihrem Vater?
Prinzessin Mäusehaut: Von meiner Sprache.
Therapeut: Erklären Sie das.
Prinzessin Mäusehaut: Ich hatte die Wahrheit gesagt. Und trotzdem wurde sie zu meinem Unglück.
Therapeut: Das beschäftigt Sie bis heute.
Prinzessin Mäusehaut: Ja.
Therapeut: Warum?
Prinzessin Mäusehaut: Weil ich seitdem oft darüber nachdenke, ob Ehrlichkeit überschätzt wird.
Therapeut: Zu welchem Ergebnis kommen Sie?
Prinzessin Mäusehaut: Dass Ehrlichkeit wunderbar ist, solange alle dieselbe Sprache sprechen.
Therapeut: Und Sie und Ihr Vater taten das nicht.
Prinzessin Mäusehaut: Offenbar nicht.
Therapeut: Was geschah nach Ihrer Verbannung?
Prinzessin Mäusehaut: Ich zog fort. Arbeitete in Küchen, auf Höfen, später in einem fremden Schloss.
Therapeut: Eine Prinzessin als Küchenmagd.
Prinzessin Mäusehaut: Das scheint Menschen stärker zu überraschen als die Tatsache, dass man wegen eines Gewürzes enterbt werden kann.
Therapeut: Das ist ein berechtigter Einwand.
Prinzessin Mäusehaut: Danke.
Therapeut: Wie erlebten Sie diese Zeit?
Prinzessin Mäusehaut: Frei und gedemütigt zugleich.
Therapeut: Das klingt widersprüchlich.
Prinzessin Mäusehaut: Es war widersprüchlich.
Therapeut: Beschreiben Sie es.
Prinzessin Mäusehaut: Zum ersten Mal interessierte sich niemand dafür, dass ich eine Königstochter war.
Therapeut: Und wie war das?
Prinzessin Mäusehaut: Erleichternd.
Therapeut: Aber?
Prinzessin Mäusehaut: Niemand interessierte sich dafür, wer ich war.
Therapeut: Das schmerzte.
Prinzessin Mäusehaut: Ja.
Therapeut: Was glauben Sie, wollten Sie damals am meisten?
Prinzessin Mäusehaut: Dass jemand versteht, was ich gemeint hatte.
Therapeut: Nicht, dass man Ihnen recht gibt?
Prinzessin Mäusehaut: Nein.
Therapeut: Sondern?
Prinzessin Mäusehaut: Dass man mich versteht.
Therapeut: Das scheint ein wiederkehrendes Thema zu sein.
Prinzessin Mäusehaut: Vermutlich.
Therapeut: Kommt Ihnen das aus Ihrer Kindheit bekannt vor?
Prinzessin Mäusehaut: Mein Vater liebte große Gesten.
Therapeut: Große Gesten?
Prinzessin Mäusehaut: Turniere, Feste, Gold, Lobreden.
Therapeut: Und Sie?
Prinzessin Mäusehaut: Ich mochte die Küche.
Therapeut: Die Küche?
Prinzessin Mäusehaut: Dort wurde aus vielen kleinen Dingen etwas Sinnvolles.
Therapeut: Das klingt beinahe symbolisch.
Prinzessin Mäusehaut: Sie werden wieder psychoanalytisch.
Therapeut: Eine Berufskrankheit.
Prinzessin Mäusehaut: Dann gestatte ich sie Ihnen.
Therapeut: Was unterschied Sie von Ihren Schwestern?
Prinzessin Mäusehaut: Sie wussten, wie man meinem Vater gefällt.
Therapeut: Sie nicht?
Prinzessin Mäusehaut: Offenbar nicht.
Therapeut: Oder Sie wollten es nicht.
Prinzessin Mäusehaut: Das gefällt mir weniger.
Therapeut: Warum?
Prinzessin Mäusehaut: Weil es Verantwortung enthält.
Therapeut: Möglicherweise.
Prinzessin Mäusehaut: Ich hätte Gold sagen können.
Therapeut: Aber Sie sagten Salz.
Prinzessin Mäusehaut: Ja.
Therapeut: Warum?
Prinzessin Mäusehaut: Weil ich wollte, dass er mich erkennt.
Therapeut: Wie meinen Sie das?
Prinzessin Mäusehaut: Ich wollte, dass er versteht, wer ich bin.
Therapeut: Nicht die gehorsame Tochter.
Prinzessin Mäusehaut: Sondern ich.
Therapeut: Das erscheint bedeutsam.
Prinzessin Mäusehaut: Es war wahrscheinlich mein erster Versuch, mich von ihm zu unterscheiden.
Therapeut: Und er beantwortete diesen Versuch mit Ausschluss.
Prinzessin Mäusehaut: Genau.
Therapeut: Welche Wirkung hatte das auf Sie?
Prinzessin Mäusehaut: Ich begann, meinen Worte zu misstrauen.
Therapeut: Ihre Worte?
Prinzessin Mäusehaut: Wenn etwas so falsch verstanden werden kann, fragt man sich irgendwann, ob Schweigen nicht sicherer wäre.
Therapeut: Haben Sie später geschwiegen?
Prinzessin Mäusehaut: Oft.
Therapeut: In Beziehungen?
Prinzessin Mäusehaut: Besonders dort.
Therapeut: Aus Angst vor Missverständnissen?
Prinzessin Mäusehaut: Aus Angst vor Verlust.
Therapeut: Das ist ein wichtiger Unterschied.
Prinzessin Mäusehaut: Ja.
Therapeut: Erzählen Sie vom Wiedersehen mit Ihrem Vater.
Prinzessin Mäusehaut: Jahre später kam er zu einem Fest.
Therapeut: Und?
Prinzessin Mäusehaut: Ich ließ alle Speisen ohne Salz servieren.
Therapeut: Das erscheint mir eine ungewöhnliche therapeutische Intervention.
Prinzessin Mäusehaut: Damals gab es noch keine Krankenkassen.
Therapeut: Wie reagierte er?
Prinzessin Mäusehaut: Er beschwerte sich sofort.
Therapeut: Wegen des fehlenden Salzes?
Prinzessin Mäusehaut: Natürlich.
Therapeut: Und dann?
Prinzessin Mäusehaut: Dann verstand er.
Therapeut: Sofort?
Prinzessin Mäusehaut: Märchenväter lernen erstaunlich schnell, sobald ein Bankett betroffen ist.
Therapeut: Das könnte eine diagnostische Besonderheit sein.
Prinzessin Mäusehaut: Vermutlich.
Therapeut: Was fühlten Sie in diesem Moment?
Prinzessin Mäusehaut: Nichts.
Therapeut: Nichts?
Prinzessin Mäusehaut: Das überraschte mich selbst.
Therapeut: Bleiben Sie bei diesem Gefühl.
Prinzessin Mäusehaut: Ich hatte jahrelang auf diesen Moment gewartet. Und als er kam, war die Freude kleiner als erwartet.
Therapeut: Warum?
Prinzessin Mäusehaut: Weil ich nicht mehr das Kind war, das seine Anerkennung brauchte.
Therapeut: Das klingt nach einer wichtigen Entwicklung.
Prinzessin Mäusehaut: Vielleicht.
Therapeut: Vielleicht?
Prinzessin Mäusehaut: Ein Teil von mir wartet noch immer darauf.
Therapeut: Welcher Teil?
Prinzessin Mäusehaut: Das Mädchen am Tisch, das glaubte, verstanden zu werden.
Therapeut: Und was braucht dieses Mädchen?
Prinzessin Mäusehaut: Jemanden, der zuhört, bevor er urteilt.
Therapeut: Ihr Vater konnte das nicht.
Prinzessin Mäusehaut: Nein.
Therapeut: Können Sie es heute?
Prinzessin Mäusehaut: Bei anderen Menschen ja.
Therapeut: Und bei sich selbst?
Prinzessin Mäusehaut: …
Therapeut: Was geschieht gerade?
Prinzessin Mäusehaut: Ich glaube, dort liegt das eigentliche Problem.
Therapeut: Erzählen Sie.
Prinzessin Mäusehaut: Ich habe mein ganzes Leben versucht, anderen zu erklären, was ich gemeint habe.
Therapeut: Und?
Prinzessin Mäusehaut: Vielleicht sollte ich anfangen, mir selbst zuzuhören.
Therapeut: Das erscheint mir ein wichtiger Gedanke.
Prinzessin Mäusehaut: Ja.
Therapeut: Welche Frage möchten Sie mit in die nächste Sitzung nehmen?
Prinzessin Mäusehaut: Ob ich wirklich Angst vor Missverständnissen habe.
Therapeut: Und die Alternative?
Prinzessin Mäusehaut: Dass ich Angst habe, verstanden zu werden und dann trotzdem nicht geliebt zu werden.
Therapeut: Das scheint mir eine Frage, die wir weiter verfolgen sollten.
Prinzessin Mäusehaut: Fürchte ich auch.