
Therapieprotokoll: Schneeweißchen
Therapeut: Guten Morgen. Was möchten Sie heute besprechen?
Schneeweißchen : Ich glaube, ich bin zu freundlich.
Therapeut: Zu freundlich?
Schneeweißchen : Ja. Ich lasse Bären ins Haus, befreie Zwerge aus misslichen Lagen und entschuldige mich anschließend, wenn der Zwerg mich beleidigt.
Therapeut: Das klingt nach einem Muster. Wann fällt es Ihnen besonders auf?
Schneeweißchen : Wenn jemand hilfsbedürftig wirkt. Oder laut schimpft. Oder beides.
Therapeut: Nehmen wir eine konkrete Situation.
Schneeweißchen : Der Bär.
Therapeut: Was geschah?
Schneeweißchen : Es klopfte im Winter an der Tür. Draußen stand ein großer Bär. Meine Schwester Rosenrot und ich erschraken. Unsere Mutter sagte, wir sollten ihn hereinlassen.
Therapeut: Ein Bär wurde in Ihr Wohnzimmer eingeladen.
Schneeweißchen : Ja. Er war höflich.
Therapeut: Das ist nicht die übliche Risikoeinschätzung.
Schneeweißchen : In unserer Gegend bewertet man Wildtiere offenbar stark nach Umgangsformen.
Therapeut: Was dachten Sie damals?
Schneeweißchen : „Er friert. Wir müssen helfen.“
Therapeut: Das wäre Ihr automatischer Gedanke: „Wenn jemand leidet, muss ich helfen.“
Schneeweißchen : Ja.
Therapeut: Welche Gefühle kamen dazu?
Schneeweißchen : Mitleid. Angst. Und sofort Schuld, weil ich Angst hatte.
Therapeut: Interessant. Sie bewerten sogar Ihre Angst moralisch.
Schneeweißchen : Angst wirkt unfreundlich.
Therapeut: Angst wirkt zunächst einmal schützend.
Schneeweißchen : Das klingt vernünftig. Ungewohnt, aber vernünftig.
Therapeut: Was passierte mit dem Bären?
Schneeweißchen : Er blieb über den Winter. Wir spielten mit ihm, er schlief am Herd. Im Frühjahr ging er fort, um seine Schätze vor einem Zwerg zu schützen.
Therapeut: Ein Bär mit Schatzverwaltung.
Schneeweißchen : Ja, das war damals kein Gesprächsanlass. Wir waren gut erzogen.
Therapeut: Kommen wir zum Zwerg.
Schneeweißchen : Der Zwerg war unangenehm.
Therapeut: Was tat er?
Schneeweißchen : Er geriet immer wieder in Schwierigkeiten. Einmal hatte sich sein Bart in einem Baumspalt verfangen. Wir halfen ihm. Rosenrot schnitt ein Stück Bart ab.
Therapeut: Und wie reagierte er?
Schneeweißchen : Er beschimpfte uns.
Therapeut: Was dachten Sie in diesem Moment?
Schneeweißchen : „Wir haben etwas falsch gemacht.“
Therapeut: Obwohl Sie ihn befreit hatten?
Schneeweißchen : Ja.
Therapeut: Das ist ein typischer kognitiver Fehler: Sie übernehmen Verantwortung für die Reaktion eines anderen Menschen.
Schneeweißchen : Bei Zwergen auch?
Therapeut: Gerade bei Zwergen, wenn sie regelmäßig laut werden.
Schneeweißchen : Das beruhigt mich etwas.
Therapeut: Gab es weitere Situationen?
Schneeweißchen : Ja. Er verfing sich mit dem Bart in einer Angelschnur. Dann wurde er von einem Adler gepackt. Jedes Mal halfen wir. Jedes Mal beschimpfte er uns.
Therapeut: Was hielt Sie davon ab, beim zweiten oder dritten Mal anders zu reagieren?
Schneeweißchen : Der Gedanke: „Wenn ich nicht helfe, bin ich schlecht.“
Therapeut: Das ist eine Kernüberzeugung.
Schneeweißchen : Ich wäre gern weniger kernüberzeugt.
Therapeut: Daran können wir arbeiten. Was wäre eine alternative, realistischere Formulierung?
Schneeweißchen : „Ich darf helfen, aber ich muss mich nicht beschimpfen lassen.“
Therapeut: Gut. Noch präziser?
Schneeweißchen : „Hilfe verpflichtet mich nicht zur Selbsterniedrigung.“
Therapeut: Sehr gut. Wie glaubhaft fühlt sich dieser Satz an, von 0 bis 100?
Schneeweißchen : 43.
Therapeut: Warum nicht 10?
Schneeweißchen : Weil ich langsam merke, dass der Zwerg ein eigenes Problem hatte.
Therapeut: Genau. Was war Ihr Anteil?
Schneeweißchen : Ich habe geholfen.
Therapeut: Und sein Anteil?
Schneeweißchen : Er war undankbar, aggressiv und bartbezogen überempfindlich.
Therapeut: Das ist eine klare Verhaltensbeschreibung.
Schneeweißchen : Ich übe.
Therapeut: Was wäre ein Verhaltensexperiment für die kommende Woche?
Schneeweißchen : Nicht sofort helfen?
Therapeut: Zu groß. Wir beginnen kleiner.
Schneeweißchen : Dann: vor dem Helfen eine Frage stellen.
Therapeut: Welche?
Schneeweißchen : „Möchten Sie Hilfe, und können Sie respektvoll mit mir sprechen?“
Therapeut: Gut. Was befürchten Sie, wenn Sie das sagen?
Schneeweißchen : Dass der andere wütend wird.
Therapeut: Und wenn er wütend wird?
Schneeweißchen : Dann würde ich mich schuldig fühlen.
Therapeut: Was könnten Sie sich dann sagen?
Schneeweißchen : „Seine Wut ist nicht automatisch mein Fehler.“
Therapeut: Wie glaubhaft?
Schneeweißchen : 51.
Therapeut: Fortschritt.
Schneeweißchen : Verhaltenstherapie ist erstaunlich rechnerisch.
Therapeut: Das ist einer ihrer diskreten Reize.
SChneeweißchen : Und der Bär?
Therapeut: Was ist mit ihm?
Schneeweißchen : Er verwandelte sich später in einen Prinzen.
Therapeut: Nachdem?
Schneeweißchen : Nachdem der Zwerg starb und der Bann gebrochen war.
Therapeut: Verstehe. Wie erleben Sie diesen Teil?
Schneeweißchen : Schwierig. Alle fanden es wundervoll. Der Bär war ein Prinz, Rosenrot heiratete seinen Bruder, alles war geordnet.
Therapeut: Und Sie?
Schneeweißchen : Ich fragte mich, ob ich den Bären gemocht hatte oder die Idee, gebraucht zu werden.
Therapeut: Das ist zentral. Was spricht für das eine, was für das andere?
Schneeweißchen : Für den Bären: Er war freundlich, warm, zuverlässig. Für das Gebrauchtwerden: Ich fühlte mich wertvoll, wenn ich mich kümmerte.
Therapeut: Was passiert, wenn niemand Sie braucht?
Schneeweißchen : Dann werde ich unruhig.
Therapeut: Was sagt diese Unruhe?
Schneeweißchen : „Du bist überflüssig.“
Therapeut: Das klingt nach einer zweiten Kernüberzeugung.
Schneeweißchen : „Ich bin nur wertvoll, wenn ich hilfreich bin.“
Therapeut: Genau. Wollen wir sie prüfen?
Schneeweißchen : Ungern.
Therapeut: Dann ist sie wahrscheinlich wichtig.
Schneeweißchen : Sie sind heute unangenehm präzise.
Therapeut: Was wäre ein Gegenbeweis zu dieser Überzeugung?
Schneeweißchen : Rosenrot mag mich auch, wenn ich nichts tue.
Therapeut: Noch einer?
Schneeweißchen : Meine Mutter wollte, dass ich ruhe, als ich krank war.
Therapeut: Noch einer?
Schneeweißchen : Der Bär kam nicht nur wegen der Wärme. Er blieb auch, weil wir freundlich miteinander waren.
Therapeut: Also könnte Ihr Wert nicht nur aus Hilfe bestehen, sondern auch aus Beziehung.
Schneeweißchen : Das klingt schön. Und gefährlich.
Therapeut: Warum gefährlich?
Schneeweißchen : Hilfe kann ich kontrollieren. Beziehung nicht.
Therapeut: Das ist eine wichtige Einsicht.
Schneeweißchen : Wenn ich helfe, weiß ich, welche Rolle ich habe.
Therapeut: Die Retterin.
Schneeweißchen : Ja.
Therapeut: Und wenn Sie nicht retten?
Schneeweißchen : Dann müsste ich einfach da sein.
Therapeut: Was wäre daran schwer?
Schneeweißchen : Dass ich nicht sicher bin, ob das genügt.
Therapeut: Dann formulieren wir eine therapeutische Arbeitsfrage: „Kann ich wertvoll sein, ohne nützlich zu sein?“
Schneeweißchen : Das klingt fast unhöflich.
Therapeut: Gegenüber wem?
Schneeweißchen : Gegenüber meiner Erziehung.
Therapeut: Genau dort arbeiten wir.
Schneeweißchen : Was soll ich bis zur nächsten Sitzung tun?
Therapeut: Drei Dinge notieren: Wann Sie helfen wollen, welcher automatische Gedanke auftaucht, und ob Sie eine Grenze setzen konnten.
Schneeweißchen : Und wenn ich keine Grenze setzen kann?
Therapeut: Dann notieren Sie das auch. Wir sammeln Daten, keine Schuld.
Schneeweißchen : Das ist ein neuer Gedanke.
Therapeut: Welcher?
Schneeweißchen : Dass ich mich beobachten darf, ohne mich sofort zu verurteilen.
Therapeut: Das ist ein guter Abschluss für heute.
Schneeweißchen : Dann nehme ich diese Frage mit.
Therapeut: Welche?
Schneeweißchen : Ob ich vielleicht nicht deshalb liebenswert bin, weil ich rette, sondern ob ich rette, weil ich Angst habe, sonst nicht liebenswert zu sein.