12. Sitzung

Therapeut: Sie wirken heute entspannter als bei unserem ersten Gespräch.

Schneewittchen : Das sagen die sieben Zwerge auch.

Therapeut: Haben Sie noch regelmäßigen Kontakt zu ihnen?

Schneewittchen : Natürlich. Nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben, wäre Funkstille seltsam.

Therapeut: Was haben Sie gemeinsam erlebt?

Schneewittchen : Nun, Verfolgung durch eine eifersüchtige Königin, mehrere Mordversuche, einen längeren Aufenthalt in einem gläsernen Sarg.

Therapeut: Sie erzählen das mit bemerkenswerter Gelassenheit.

Schneewittchen : Wenn man es oft wiederholt, klingt es irgendwann wie eine Reisebeschreibung.

Therapeut: Was hat Sie ursprünglich in Therapie geführt?

Schneewittchen : Ich bin müde geworden, immer diejenige zu sein, der etwas geschieht.

Therapeut: Erklären Sie das.

Schneewittchen : In meiner Geschichte handeln alle anderen. Die Königin plant. Der Jäger entscheidet. Die Zwerge retten. Der Prinz findet. Ich werde gefunden, vergiftet, gerettet, bewundert.

Therapeut: Und Sie?

Schneewittchen : Ich bin anwesend.

Therapeut: Das beschäftigt Sie.

Schneewittchen : Ja.

Therapeut: Wenn wir einen Schritt zurückgehen: Wer gehörte zu Ihrer Familie, als Sie klein waren?

Schneewittchen : Mein Vater, die Königin und später meine Stiefmutter.

Therapeut: Welche Rolle hatte Ihr Vater?

Schneewittchen : Eine dekorative.

Therapeut: Dekorative?

Schneewittchen : Er existierte hauptsächlich zwischen zwei Absätzen der Geschichte.

Therapeut: Das klingt nach emotionaler Abwesenheit.

Schneewittchen : Wahrscheinlich. Im Schloss war er zwar da, aber nie wirklich beteiligt.

Therapeut: Und die Stiefmutter?

Schneewittchen : Sie war sehr beteiligt.

Therapeut: Erzählen Sie von ihr.

Schneewittchen : Sie war schön, intelligent und vollkommen davon überzeugt, dass Schönheit über den Wert eines Menschen entscheidet.

Therapeut: Woher wissen Sie das?

Schneewittchen : Sie führte täglich Gespräche mit einem Spiegel.

Therapeut: Ein Spiegel?

Schneewittchen : Ja.

Therapeut: Ein tatsächlicher Spiegel?

Schneewittchen : Natürlich.

Therapeut: Und dieser antwortete?

Schneewittchen : Ja.

Therapeut: Verstehe.

Schneewittchen : Sie reagieren erstaunlich professionell.

Therapeut: In meinem Beruf lernt man, Urteile gelegentlich aufzuschieben.

Schneewittchen : Das scheint hilfreich zu sein.

Therapeut: Was bedeutete der Spiegel für Ihre Stiefmutter?

Schneewittchen : Bestätigung.

Therapeut: Und als die Bestätigung ausblieb?

Schneewittchen : Wurde ich zum Problem.

Therapeut: Warum?

Schneewittchen : Weil der Spiegel irgendwann sagte, dass ich schöner sei.

Therapeut: Wie alt waren Sie?

Schneewittchen : Vierzehn.

Therapeut: Wie war das für Sie?

Schneewittchen : Damals verstand ich es nicht.

Therapeut: Und heute?

Schneewittchen : Heute frage ich mich, wie einsam ein Mensch sein muss, um mit einem Spiegel um Liebe zu konkurrieren.

Therapeut: Das ist eine interessante Perspektive.

Schneewittchen : Früher war ich nur wütend.

Therapeut: Was hat sich verändert?

Schneewittchen : Ich sehe inzwischen mehr das System als die Person.

Therapeut: Erklären Sie das.

Schneewittchen : In unserem Schloss wurden Menschen ständig bewertet. Schönheit, Rang, Ansehen. Niemand fragte, wie es einem ging.

Therapeut: Also war Ihre Stiefmutter Teil dieses Systems.

Schneewittchen : Ja. Und gleichzeitig hat sie es weitergetragen.

Therapeut: Wie würden Sie ihre größte Angst beschreiben?

Schneewittchen : Bedeutungslosigkeit.

Therapeut: Das kommt sehr schnell.

Schneewittchen : Weil ich sie gut kannte.

Therapeut: Und Ihre größte Angst?

Schneewittchen : Dass Menschen mich nur für das mögen, was sie in mir sehen.

Therapeut: Nicht für das, was Sie sind.

Schneewittchen : Genau.

Therapeut: Das ist bemerkenswert ähnlich.

Schneewittchen : Das gefällt mir nicht.

Therapeut: Warum?

Schneewittchen : Weil ich nicht wie sie sein möchte.

Therapeut: Ähnliche Ängste bedeuten nicht dieselben Entscheidungen.

Schneewittchen : Das stimmt vermutlich.

Therapeut: Erzählen Sie vom Jäger.

Schneewittchen : Er erhielt den Auftrag, mich zu töten.

Therapeut: Wie erfuhren Sie das?

Schneewittchen : Als er es mir im Wald erklärte.

Therapeut: Das klingt nach einer ungewöhnlichen Form der Auftragsausführung.

Schneewittchen : Er war nicht besonders geeignet für den Beruf.

Therapeut: Was geschah dann?

Schneewittchen : Er ließ mich laufen.

Therapeut: Was denken Sie heute über ihn?

Schneewittchen : Lange hielt ich ihn für meinen Retter.

Therapeut: Und heute?

Schneewittchen : Heute denke ich, er traf einfach eine menschliche Entscheidung.

Therapeut: Das klingt weniger idealisiert.

Schneewittchen : Wahrscheinlich gesünder.

Therapeut: Wie war die Zeit bei den Zwergen?

Schneewittchen : Zum ersten Mal fühlte ich mich gebraucht.

Therapeut: Gebraucht?

Schneewittchen : Ich kochte, räumte auf, sorgte für Ordnung.

Therapeut: Und was bekamen Sie zurück?

Schneewittchen : Sicherheit.

Therapeut: Das klingt nach einem Vertrag.

Schneewittchen : Vielleicht war es einer.

Therapeut: Welche Rolle hatten Sie dort?

Schneewittchen : Die Vernünftige.

Therapeut: Wie fühlen Sie sich mit dieser Rolle?

Schneewittchen : Sicher.

Therapeut: Und eingeschränkt?

Schneewittchen : Auch das.

Therapeut: Erzählen Sie von den Besuchen Ihrer Stiefmutter.

Schneewittchen : Welchen?

Therapeut: Es gab mehrere?

Schneewittchen : Drei.

Therapeut: Drei?

Schneewittchen : Schnürriemen, Kamm, Apfel.

Therapeut: Wenn Sie heute darauf schauen – was fällt Ihnen auf?

Schneewittchen : Dass ich bemerkenswert lernresistent war.

Therapeut: Inwiefern?

Schneewittchen : Nach dem ersten Mordversuch hätte man vorsichtiger werden können.

Therapeut: Warum wurden Sie es nicht?

Schneewittchen : Weil ich Menschen glauben wollte.

Therapeut: Das klingt nicht nur naiv.

Schneewittchen : Sondern?

Therapeut: Nach einem Bedürfnis.

Schneewittchen : Welchem?

Therapeut: Verbindung.

Schneewittchen : Ja.

Therapeut: Sie öffneten immer wieder die Tür.

Schneewittchen : Weil ich nicht allein sein wollte.

Therapeut: Das erscheint mir nachvollziehbar.

Schneewittchen : Trotzdem führte es zu einem vergifteten Apfel.

Therapeut: Manchmal sind verständliche Motive nicht automatisch hilfreiche Strategien.

Schneewittchen : Das sollten Sie auf eine Tafel schreiben.

Therapeut: Das wäre für Verhaltenstherapeuten vermutlich attraktiver.

Schneewittchen : Touché.

Therapeut: Kommen wir zum Sarg.

Schneewittchen : Die meisten Menschen tun das irgendwann.

Therapeut: Wie erleben Sie diesen Teil Ihrer Geschichte?

Schneewittchen : Ehrlich?

Therapeut: Bitte.

Schneewittchen : Er ist merkwürdig.

Therapeut: Merkwürdig?

Schneewittchen : Ich liege bewusstlos in einem gläsernen Sarg. Menschen betrachten mich monatelang. Niemand findet das sonderbar.

Therapeut: Und Sie?

Schneewittchen : Ich finde es inzwischen etwas grenzwertig.

Therapeut: Verständlich.

Schneewittchen : Früher hielt ich es für romantisch.

Therapeut: Was hat Ihre Sicht verändert?

Schneewittchen : Das Älterwerden.

Therapeut: Inwiefern?

Schneewittchen : Ich frage mich heute häufiger, was ich selbst wollte.

Therapeut: Und?

Schneewittchen : Erstaunlich oft weiß ich es nicht.

Therapeut: Das scheint ein zentrales Thema zu sein.

Schneewittchen : Ja.

Therapeut: Wenn wir die Geschichte systemisch betrachten: Welche Rolle wurde Ihnen zugewiesen?

Schneewittchen : Die Schöne.

Therapeut: Und welche Rolle würden Sie sich selbst geben?

Schneewittchen : Die Überlebende.

Therapeut: Das ist ein Unterschied.

Schneewittchen : Ein großer.

Therapeut: Welche Ihrer Stärken wird in der Geschichte übersehen?

Schneewittchen : Dass ich immer wieder Vertrauen gefunden habe.

Therapeut: Trotz allem?

Schneewittchen : Trotz allem.

Therapeut: Das ist bemerkenswert.

Schneewittchen : Manchmal denke ich, es ist meine größte Stärke.

Therapeut: Und manchmal?

Schneewittchen : Meine größte Schwäche.

Therapeut: Vielleicht ist es beides.

Schneewittchen : Wahrscheinlich.

Therapeut: Was nehmen Sie aus der heutigen Sitzung mit?

Schneewittchen : Dass ich mein Leben lang versucht habe, nicht wie meine Stiefmutter zu werden.

Therapeut: Und jetzt?

Schneewittchen : Jetzt frage ich mich, ob ich stattdessen herausfinden sollte, wer ich selbst bin.

Therapeut: Das erscheint mir eine wichtige Verschiebung.

Schneewittchen : Ja.

Therapeut: Welche Frage möchten Sie bis zur nächsten Sitzung mitnehmen?

Schneewittchen : Wenn ich nicht die Schönste im Land bin – und auch nicht die Verfolgte –, welche Geschichte bleibt dann eigentlich übrig?

Therapeut: Das scheint mir eine sehr gute Frage.

Schneewittchen : Mir macht sie ein wenig Angst.

Therapeut: Oft sind es die richtigen Fragen, die das tun.