Psychoanalytische Sitzung – 31. Stunde

Therapeut: Sie wirken heute gereizt.

Stiefmutter: Ich habe ein Buch gelesen.

Therapeut: Das ist an sich kein beunruhigendes Ereignis.

Stiefmutter: Es war ein Märchenbuch.

Therapeut: Ich beginne zu verstehen.

Stiefmutter: Dreizehn Seiten. Dreizehn Seiten über mein Leben. Und ich komme darin vor wie eine Mischung aus Narzisstin, Mörderin und kosmetischem Notfall.

Therapeut: Sie fühlen sich missverstanden.

Stiefmutter: Ich fühle mich auf eine Funktion reduziert.

Therapeut: Welche Funktion?

Stiefmutter: Die böse Königin.

Therapeut: Und wer wären Sie stattdessen?

Stiefmutter: Das versuche ich seit Monaten herauszufinden.

Therapeut: Beginnen wir dort.

Stiefmutter: Als ich jung war, galt Schönheit als Währung.

Therapeut: In welchem Sinn?

Stiefmutter: Im wörtlichen Sinn. Schönheit bedeutete Einfluss, Sicherheit, Aufmerksamkeit, Heiratschancen, politischen Wert.

Therapeut: Also nicht nur Eitelkeit.

Stiefmutter: Überhaupt nicht.

Therapeut: Sondern Überleben.

Stiefmutter: Genau.

Therapeut: Erzählen Sie von Ihrer Familie.

Stiefmutter: Meine Mutter war außergewöhnlich schön.

Therapeut: Welche Beziehung hatten Sie zu ihr?

Stiefmutter: Eine anstrengende.

Therapeut: Warum?

Stiefmutter: Überall, wo wir hinkamen, wurde sie bewundert.

Therapeut: Und Sie?

Stiefmutter: Ich war „auch ganz hübsch“.

Therapeut: Das klingt nach einem Satz, den Sie oft gehört haben.

Stiefmutter: Zu oft.

Therapeut: Was empfand das Kind damals?

Stiefmutter: Neid.

Therapeut: Können Sie das Wort leicht aussprechen?

Stiefmutter: Heute leichter als früher.

Therapeut: Früher?

Stiefmutter: Früher hätte ich von Ungerechtigkeit gesprochen. Oder mangelnder Anerkennung. Oder gesellschaftlichen Strukturen.

Therapeut: Und heute?

Stiefmutter: Heute weiß ich, dass es Neid war.

Therapeut: Das ist bemerkenswert offen.

Stiefmutter: Wahrscheinlich bin ich zu müde geworden, um mich noch anzulügen.

Therapeut: Was geschah später?

Stiefmutter: Ich wurde Königin.

Therapeut: War das ein Erfolg?

Stiefmutter: Äußerlich ja.

Therapeut: Innerlich?

Stiefmutter: Ich dachte, endlich sicher zu sein.

Therapeut: Und waren Sie es?

Stiefmutter: Nein.

Therapeut: Warum nicht?

Stiefmutter: Weil Sicherheit, die auf Schönheit beruht, ein Ablaufdatum hat.

Therapeut: Das beschäftigt Sie.

Stiefmutter: Jeden Tag.

Therapeut: Erzählen Sie vom Spiegel.

Stiefmutter: Sie fragen das inzwischen immer direkt.

Therapeut: Es scheint mir ein zentraler Bestandteil Ihrer Geschichte zu sein.

Stiefmutter: Das ist er wohl.

Therapeut: Was war dieser Spiegel für Sie?

Stiefmutter: Ehrlichkeit.

Therapeut: Ehrlichkeit?

Stiefmutter: Zumindest glaubte ich das.

Therapeut: Ein Spiegel, der Antworten gibt.

Stiefmutter: Ja.

Therapeut: Darf ich eine professionelle Irritation äußern?

Stiefmutter: Bitte.

Therapeut: Die meisten Menschen suchen Bestätigung bei Freunden, Partnern oder Kollegen.

Stiefmutter: Das klingt ausgesprochen ineffizient.

Therapeut: Sie bevorzugten einen magischen Gegenstand.

Stiefmutter: Menschen lügen.

Therapeut: Und Spiegel nicht?

Stiefmutter: Mein Spiegel jedenfalls nicht.

Therapeut: Interessant.

Stiefmutter: Finden Sie?

Therapeut: Es klingt, als hätten Sie einer Oberfläche mehr vertraut als Beziehungen.

Stiefmutter: …

Therapeut: Was geschieht gerade?

Stiefmutter: Das gefällt mir nicht.

Therapeut: Warum?

Stiefmutter: Weil es zutreffen könnte.

Therapeut: Erzählen Sie von Schneewittchen.

Stiefmutter: Sie war ein Kind.

Therapeut: Ja.

Stiefmutter: Das ist der Satz, den ich lange vermieden habe.

Therapeut: Wieso?

Stiefmutter: Weil er alles verändert.

Therapeut: Inwiefern?

Stiefmutter: Solange sie „die Schönste im Land“ war, konnte ich sie als Konkurrentin betrachten.

Therapeut: Und als Kind?

Stiefmutter: Wird die ganze Geschichte unerquicklich.

Therapeut: Was sahen Sie damals in ihr?

Stiefmutter: Das Ende.

Therapeut: Das Ende wovon?

Stiefmutter: Meiner Bedeutung.

Therapeut: Sie projizierten etwas auf sie.

Stiefmutter: Ja.

Therapeut: Was genau?

Stiefmutter: Mein Altern.

Therapeut: Das klingt schmerzhaft.

Stiefmutter: Es war furchtbar.

Therapeut: Was hätte Schneewittchen tun müssen, damit Sie sich sicher fühlen?

Stiefmutter: Nichts.

Therapeut: Erklären Sie das.

Stiefmutter: Das Problem war nie sie.

Therapeut: Sondern?

Stiefmutter: Dass ich nur eine einzige Quelle für meinen Wert hatte.

Therapeut: Schönheit.

Stiefmutter: Schönheit.

Therapeut: Und als diese bedroht schien?

Stiefmutter: Wurde alles bedroht.

Therapeut: Das klingt nach einer sehr fragilen Identität.

Stiefmutter: Danke für diese freundliche Formulierung.

Therapeut: Ich bemühe mich.

Stiefmutter: Früher hätte ich gesagt, ich kämpfte um meinen Platz.

Therapeut: Und heute?

Stiefmutter: Heute denke ich, ich kämpfte gegen die Wirklichkeit.

Therapeut: Welche Wirklichkeit?

Stiefmutter: Dass Menschen älter werden.

Therapeut: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie das aussprechen?

Stiefmutter: Traurig.

Therapeut: Bleiben Sie bei diesem Gefühl.

Stiefmutter: Es ist seltsam.

Therapeut: Was?

Stiefmutter: Jahrzehntelang war ich wütend.

Therapeut: Und unter der Wut?

Stiefmutter: Angst.

Therapeut: Wovor?

Stiefmutter: Vergessen zu werden.

Therapeut: Von wem?

Stiefmutter: Von allen.

Therapeut: Das klingt einsam.

Stiefmutter: Es war einsam.

Therapeut: Hatten Sie Freunde?

Stiefmutter: Kaum.

Therapeut: Warum?

Stiefmutter: Ich verglich mich ständig.

Therapeut: Mit allen?

Stiefmutter: Mit jeder Frau.

Therapeut: Das muss anstrengend gewesen sein.

Stiefmutter: Es war meine Vollzeitbeschäftigung.

Therapeut: Was glauben Sie heute: Warum berührt Sie Schneewittchen noch immer?

Stiefmutter: Weil sie etwas hatte, das ich nie hatte.

Therapeut: Schönheit?

Stiefmutter: Nein.

Therapeut: Was dann?

Stiefmutter: Selbstverständlichkeit.

Therapeut: Erklären Sie.

Stiefmutter: Sie musste niemanden fragen, ob sie wertvoll war.

Therapeut: Und Sie?

Stiefmutter: Ich fragte täglich einen Spiegel.

Therapeut: …

Stiefmutter: Das klingt erbärmlicher, wenn man es laut ausspricht.

Therapeut: Es klingt eher traurig.

Stiefmutter: Vielleicht.

Therapeut: Was hätten Sie damals gebraucht?

Stiefmutter: Einen Menschen, der mir sagt, dass Schönheit nicht alles ist.

Therapeut: Hätten Sie ihm geglaubt?

Stiefmutter: Wahrscheinlich nicht.

Therapeut: Warum?

Stiefmutter: Weil ich mein ganzes Leben das Gegenteil gelernt hatte.

Therapeut: Was nehmen Sie aus der heutigen Stunde mit?

Stiefmutter: Dass Schneewittchen nie meine Gegnerin war.

Therapeut: Sondern?

Stiefmutter: Mein Spiegel.

Therapeut: Ihr Spiegel?

Stiefmutter: Sie zeigte mir alles, was ich nicht kontrollieren konnte.

Therapeut: Jugend. Veränderung. Vergänglichkeit.

Stiefmutter: Ja.

Therapeut: Und welche Frage bleibt offen?

Stiefmutter: Wenn ich nicht die Schönste im Land sein muss – wer bin ich dann?

Therapeut: Das scheint mir eine Frage zu sein, die wir noch eine Weile begleiten werden.

Stiefmutter: Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass die Antwort interessanter sein könnte als der Spiegel.