Fallstudie: Narzisstische Kollusion und die Abwehr des Schmutzigen – Die Stiefmutter
Therapeut: Wir sprachen in unserer letzten Sitzung intensiv über das tiefe Erschöpfungserleben, das Sie in Ihrer Rolle als Managerin dieser – wie wir es heute nennen würden – Patchwork-Familie empfinden. Sie erwähnten eine massive innere Anspannung, besonders in Bezug auf Ihre Stieftochter. Wie hat sich die Dynamik zu Hause in den letzten Tagen entwickelt?
Stiefmutter von Aschenputtel: Es ist schier unerträglich. Ich versuche, diesem Haushalt Struktur, Würde und einen gewissen sozialen Status zu verleihen. Ich habe zwei makellose, bildschöne Töchter in diese Ehe mitgebracht, die jede Förderung verdienen. Und was macht die Tochter meines Mannes? Sie weigert sich beharrlich, am bürgerlichen Leben teilzunehmen. Sie setzt sich absichtlich in die Asche neben den Herd! Das ist reinste Provokation. Sie will mir damit sagen: „Sieh her, du kannst das Haus noch so rein halten, ich bringe den Schmutz zurück.“ Ein ständiger, passiv-aggressiver Affront.
Therapeut: Asche ist ein sehr archaisches, psychologisch hoch aufgeladenes Symbol. Sie steht für Trauer, für das Vergehen, aber eben auch für Schmutz und Regression. Analytisch gesehen könnten wir hier von einer unbewussten Identifikation der Tochter mit ihrer verstorbenen leiblichen Mutter sprechen. Sie klammert sich an das, was vergangen ist. Wie reagieren Sie auf dieses stark regressive Verhalten?
Stiefmutter von Aschenputtel: Ich fördere es nicht, das können Sie mir glauben! Ich habe ihr die teuren Kleider weggenommen und ihr einen alten, grauen Kittel gegeben. Wenn sie sich wie ein Dienstmädchen verhalten will, weil sie die Realität unserer sozialen Stellung nicht akzeptiert, dann behandle ich sie auch wie eins. Letzte Woche habe ich ihr eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet und sie anweisen lassen, die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen zu sortieren. Das fördert die Feinmotorik und härtet ab.
Therapeut: (greift nach seinem Stift und notiert etwas) Linsen aus der Asche sortieren… Das klingt nach einer geradezu sisyphushaften, stark zwanghaften Strafmaßnahme. Es hat eine geradezu anal-sadistische Qualität, diese unlösbare Vermischung von Nahrung und Schmutz wieder trennen zu lassen. Wo, glauben Sie, kommt dieses strafende Element in Ihnen her? Und wo ist eigentlich Ihr Ehemann, der leibliche Vater, in dieser ganzen Dynamik?
Stiefmutter von Aschenputtel: Mein Mann? Der glänzt durch Abwesenheit. Ein vollkommen passiver Charakter. Wenn er auf Geschäftsreise geht, fragt er, was er uns mitbringen soll. Meine Töchter verlangen – völlig zu Recht – schöne Kleider und Perlen. Und was wünscht sich dieser Asche-Fetischist von einer Stieftochter? Den ersten Reisigzweig, der ihm auf dem Heimweg an den Hut stößt! Und er bringt ihr dieses Unkraut tatsächlich mit. Sie hat den Zweig auf das Grab ihrer Mutter gepflanzt und ihn so lange mit ihren Tränen begossen, bis ein Baum daraus wurde. Komplett hysterisches Verhalten.
Therapeut: Das ist ein faszinierendes Bild. Der Zweig des Vaters, gepflanzt auf das Grab der Mutter, gedüngt mit Tränen. Ein fast schon klassischer ödipaler Konflikt, verknüpft mit einer tiefen Trauerarbeit, die im Haus offenbar keinen Platz hat. Sie strafen die Tochter für ihre Melancholie, weil diese Trauer Sie vielleicht an Ihre eigene Unzulänglichkeit erinnert? Sie spüren unbewusst, dass Sie gegen diese idealisierte, tote erste Ehefrau niemals ankommen können.
Stiefmutter von Aschenputtel: (verschränkt die Arme) Ich wüsste nicht, was ich an mir unzulänglich finden sollte. Meine Erziehungsmethoden sind pragmatisch. Es geht um das Überleben, um die Versorgungssicherheit! Wer sorgt denn für uns, wenn mein Mann uns eines Tages mittellos zurücklässt? Genau deshalb war dieses Auswahlverfahren des Prinzen ja von so existenzieller Bedeutung.
Therapeut: Sie spielen auf dieses… royale Casting-Event an, von dem Sie am Rande der ersten Sitzung erzählten. Dieser mehrteilige Ball?
Stiefmutter von Aschenputtel: Genau. Drei Abende lang. Meine Töchter sahen hinreißend aus. Und dann diese groteske Aktion des Prinzen am Ende. Offensichtlich ein junger Mann mit einer massiven Fixierung. Er ließ im ganzen Land Frauen einen winzigen, goldenen Schuh anprobieren, den er gefunden hatte. Nur wer hineinpasst, wird Königin. Ein vollkommen willkürliches Kriterium, aber gut, das sind eben die Regeln des Marktes.
Therapeut: Ein goldener Schuh als absolutes Auswahlkriterium für eine Ehe. In der Psychoanalyse würden wir den Schuh als weibliches Sexualsymbol oder als Repräsentanz für eine extrem starre gesellschaftliche Norm deuten. Wie sind Ihre Töchter mit diesem Druck umgegangen?
Stiefmutter von Aschenputtel: Sie haben ihr Bestes gegeben. Meine Älteste hatte ein kleines anatomisches Problem mit der großen Zehe. Der Schuh war einfach zu eng. Da habe ich ihr ein Messer gereicht und ihr die Situation rational erklärt: „Hau die Zehe ab! Wenn du erst einmal Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“
Therapeut: (hält mitten in der Schreibbewegung inne, blickt irritiert auf) Entschuldigen Sie… Ich muss sichergehen, dass ich Sie hier nicht metaphorisch missverstehe. Sie haben Ihrer eigenen Tochter ein Messer gereicht und ihr geraten, sich einen Teil ihres Fußes zu amputieren?
Stiefmutter von Aschenputtel: (völlig ruhig) Eine kleine kosmetische Anpassung. Was ist heutzutage schon natürlich? Andere lassen sich die Zähne richten oder schnüren sich in Korsetts ein, bis sie in Ohnmacht fallen. Wir passen eben die Extremitäten an den königlichen Leisten an. Ein kleines Opfer für die ultimative soziale Mobilität. Leider hat das Blut im Schuh den Prinzen irritiert. Diese adligen Herren sind oft furchtbar zart besaitet. Bei meiner jüngsten Tochter war es dann die Ferse, die im Weg war. Auch da musste das Messer ran. Wieder Blut, wieder Drama.
Therapeut: Frau… ich muss gestehen, ich ringe gerade etwas um meine professionelle Neutralität. Wir sprechen hier von schwerer körperlicher Selbstverstümmelung, die Sie nicht nur gebilligt, sondern als Autoritätsperson aktiv angeordnet haben. Das ist ein tief greifender Akt der Kastration. Analytisch betrachtet, opfern Sie die körperliche Unversehrtheit Ihrer eigenen Kinder, um sie in ein vollkommen starres, goldenes Ideal zu pressen. Was sagt das über Ihren eigenen inneren Mangel aus?
Stiefmutter von Aschenputtel: Mein innerer Mangel? Ich habe gehandelt wie eine liebende Mutter! Schmerz vergeht, Status bleibt. Sehen Sie sich an, was stattdessen passiert ist! Die Stieftochter – ausgerechnet sie, die immer nur im Dreck wühlte – passte in diesen absurden Schuh. Und anstatt uns für unsere Bemühungen zu danken, wurden meine Töchter auf der Hochzeit dieses Miststücks für den Rest ihres Lebens ruiniert!
Therapeut: Sie erwähnten bei der Anmeldung ein „ornithologisches Trauma“ bei der Hochzeit. Was ist dort geschehen?
Stiefmutter von Aschenputtel: Tauben. Zwei weiße Tauben, die offensichtlich von dieser Stieftochter abgerichtet worden waren. Als wir in die Kirche einzogen – wir wollten ja gute Verlierer sein und am Glanz teilhaben –, stürzten sich diese Biester auf meine Töchter und pickten ihnen die Augen aus! Zuerst das rechte, dann das linke. Die reinste Hitchcock-Szene. Und meine Stieftochter hat das einfach zugelassen.
Therapeut: (lehnt sich langsam zurück, atmet hörbar aus) Blindheit. Ein unfassbar mächtiges, tragisches Motiv. Denken Sie an den Mythos von Ödipus. Man wird geblendet, wenn man eine schreckliche Wahrheit gesehen hat, oder als physische Manifestation einer inneren Verblendung. Könnte es sein, dass diese Erblindung Ihrer Töchter metaphorisch für Ihre eigene familiäre Blindheit steht?
Stiefmutter von Aschenputtel: Wie meinen Sie das? Meine Töchter sind diejenigen, die jetzt Pflegefälle sind!
Therapeut: Sie haben die Augen davor verschlossen, welch tiefen seelischen und nun auch körperlichen Schaden Ihr Perfektionismus und Ihr unerbittliches Statusdenken angerichtet haben. Sie behandeln Ihre Töchter als narzisstische Erweiterungen Ihres eigenen Egos. Um Ihren Platz in der Welt zu sichern, haben Sie buchstäblich Teile von sich selbst – und von Ihren Töchtern – abgeschnitten. Die Stieftochter in der Asche war der Spiegel Ihres eigenen verdrängten Schmutzes, Ihrer eigenen unaufgearbeiteten Verletzlichkeit. Und die Tauben – symbolisch oft mit Reinheit und der verstorbenen Mutter assoziiert – haben die Konsequenz gezogen: Wer die innere Realität nicht sehen will, verliert die Fähigkeit, die äußere zu erblicken.
Stiefmutter von Aschenputtel: (starrt lange auf ihre perfekt manikürten Hände, die Stimme verliert an Schärfe) Ich… wollte doch nur, dass wir sicher sind. Dass wir einen festen, unangreifbaren Platz im Schloss haben. Wenn man in unserer Welt keine Prinzessin ist, ist man doch letztlich gar nichts.
Therapeut: Das ist der tragische Kern Ihres Konflikts. Die existenzielle Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Solange Sie glauben, dass Ihr Wert und der Ihrer Töchter nur durch äußeren Glanz und königliche Bestätigung existiert, werden Sie weiterhin symbolisch – und wie wir gesehen haben, tragischerweise auch real – Teile Ihrer Menschlichkeit amputieren müssen. Die eigentliche Frage, die sich uns nun stellt, ist nicht, wie Ihre Töchter wieder sehen können, sondern wie Sie lernen können, den Wert Ihrer Familie ohne den goldenen Schuh zu erkennen.
