Therapieprotokoll

Einzelsitzung Nr. 4 — Klient: FK

Datum: Mittwoch, 14. Oktober | Dauer: 50 Minuten | Methode: Psychoanalytisch orientierte Einzeltherapie Therapeut: Dr. M. Hollander | Klient: FK, ca. 28 Jahre, männlich, von Beruf: Kronprinz

Anmerkung des Therapeuten vor der Sitzung: Klient erscheint pünktlich, gut gekleidet, wirkt angespannt. Sitzt mit verschränkten Armen. Hat die letzten drei Sitzungen mit auffälliger Oberflächlichkeit verbracht. Heute erstmalig Bereitschaft zu erkennbarem Tiefgang.


Therapeut: „Guten Tag. Wie war die vergangene Woche?“

Froschkönig: „Wie immer. Ich habe viel geschwiegen. Die Hofgesellschaft redet ohnehin über mich, wenn ich nicht im Raum bin, also spielt es keine Rolle, ob ich spreche oder nicht.“

Therapeut: „Sie sagen: wie immer. Das klingt, als hätten Sie sich an diesen Zustand gewöhnt.“

Froschkönig: „Man gewöhnt sich an vieles. Ich habe mich auch daran gewöhnt, kalt und feucht zu sein. Und an den Gestank von Schlamm. Und daran, dass Kinder schreien, wenn sie mich sehen. Das Leben formt den Menschen.“

Therapeut: „Sie erwähnen wieder die Zeit als — verzeihen Sie, ich möchte sichergehen, dass ich Sie richtig verstehe — als Frosch?“

Froschkönig: „Als Frosch, ja. Etwa drei Jahre. Vielleicht vier. Man verliert das Zeitgefühl, wenn man keine Uhren lesen kann. Die Pfoten, wissen Sie.“

Therapeut: „Natürlich.“ [kurze Pause] „Ich möchte heute gern etwas aufgreifen, das Sie in unserer zweiten Sitzung erwähnt haben — fast beiläufig, aber ich hatte das Gefühl, es trug Gewicht. Sie sagten, die Prinzessin habe Sie nicht freiwillig geküsst.“

Froschkönig: „Sie hat mich gegen die Wand geworfen. Nicht geküsst. Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis.“

Therapeut: „Gegen die Wand geworfen.“

Froschkönig: „Mit erheblicher Kraft. Sie war wütend. Ich hatte darauf bestanden, in ihrem Bett zu schlafen — was ihr Vater, der König, ausdrücklich befohlen hatte, weil sie mir ein Versprechen gegeben hatte, das sie nicht halten wollte. Ich war im Recht. Das ist wichtig. Ich war juristisch und moralisch im Recht.“

Therapeut: „Sie betonen das sehr. Dass Sie im Recht waren.“

Froschkönig: „Weil es stimmt.“

Therapeut: „Ich zweifle nicht daran. Aber ich frage mich — und ich bitte Sie, einen Moment damit zu sitzen —, wie es sich anfühlt, jemanden mit juristischer und moralischer Korrektheit zu einem Bett zu zwingen, das er nicht teilen möchte.“

Froschkönig: [lange Pause] „Das ist eine sehr moderne Frage.“

Therapeut: „Vielleicht.“

Froschkönig: „Ich habe nie — ich meine, ich habe nicht gedacht… Es war ein Versprechen. Sie hat es gegeben. Ein Versprechen ist ein Versprechen.“

Therapeut: „Wann wurde dieses Versprechen gegeben?“

Froschkönig: „Als ihre goldene Kugel in den Brunnen gefallen war. Sie war sehr aufgewühlt. Ich habe die Kugel geholt. Dafür wollte ich Gesellschaft. Essen an ihrem Tisch. Schlafen in ihrem Bett. Das erschien mir — es war eine faire Transaktion.“

Therapeut: „Sie war aufgewühlt. Und in diesem Moment haben Sie Bedingungen gestellt.“

Froschkönig: „Ich habe Konditionen formuliert. Das ist ein Unterschied.“

Therapeut: „Ist er das?“

Froschkönig: [verschränkt die Arme fester] „Sie versuchen, mich als den Bösen darzustellen.“

Therapeut: „Nein. Ich versuche zu verstehen, was Sie damals gebraucht haben. Sie waren ein Frosch. Allein, in einem Brunnen, vermutlich seit Langem. Und dann kommt ein Mädchen, das weint. Was haben Sie in diesem Moment empfunden?“

Froschkönig: [nach einer sehr langen Pause] „Hoffnung. Zum ersten Mal seit Jahren. Eine Art — Aufflackern.“

Therapeut: „Hoffnung auf was?“

Froschkönig: „Auf Berührung. Auf Nähe. Auf irgendjemanden, der mich nicht… anschreit.“

Therapeut: „Und statt das zu sagen, haben Sie einen Vertrag geschlossen.“

Froschkönig: [sehr leise] „Ich wusste nicht, wie man das sagt. Ich hatte es nie gelernt. Bei Hof spricht man nicht über Hoffnung. Man spricht über Ansprüche.“

Therapeut: „Das ist ein wichtiger Satz. Darf ich ihn aufgreifen? Man spricht nicht über Hoffnung, man spricht über Ansprüche. Wie lange schon?“

Froschkönig: „Immer. Mein Vater war König. Sein Vater war König. Es gibt kein Wort in unserer Sprache für Ich bin einsam. Es gibt das Wort für Ich fordere.“

Therapeut: „Und die Verwandlung — zurück in einen Menschen, durch den Aufprall —, was war das für ein Moment?“

Froschkönig: „Schmerzhaft. Und dann plötzlich warm. Ich hatte vergessen, wie warm Luft sein kann, wenn man Lungen hat. Ich lag auf dem Boden, und sie stand über mir und war erschrocken, und ich dachte — ich dachte, jetzt werde sie mich endlich sehen.“

Therapeut: „Sehen. Was meinen Sie damit?“

Froschkönig: „Als jemanden, der es wert ist. Als jemanden, der gehört hat gerettet zu werden.“

Therapeut: „Aber Sie haben sich selbst nicht retten können.“

Froschkönig: „Nein.“

Therapeut: „Wissen Sie, wie der Fluch entstanden ist? Wer ihn ausgesprochen hat?“

Froschkönig: „Eine alte Frau. Ich hatte — ich muss ehrlich sein — ich hatte etwas Unfreundliches zu ihr gesagt. Ich war jung. Ich dachte, Worte ohne Konsequenzen seien ein Vorrecht der Mächtigen.“

Therapeut: „Und dann wurden Sie zur Konsequenz.“

Froschkönig: [mit einem kurzen, fast erschrockenen Lachen] „Das habe ich so noch nie formuliert.“

Therapeut: „Ich möchte für heute eine Frage in den Raum stellen, und Sie müssen sie nicht beantworten — nicht jetzt. Aber ich möchte, dass Sie damit in die nächste Woche gehen: Wenn der Fluch die Konsequenz Ihrer Worte war, was wäre dann die Konsequenz Ihrer Stille gewesen? Jener Stille, in der Sie Hoffnung nicht als Hoffnung benennen konnten, sondern nur als Forderung?“

Froschkönig: [schweigt. Schaut auf seine Hände. Dann, sehr leise:] „Vielleicht wäre ich für immer Frosch geblieben.“

Therapeut: „Vielleicht.“


Nachbemerkung des Therapeuten: Erste echte Durchbruchmomente nach vier Sitzungen. Klient zeigt deutliche narzisstische Abwehrstrukturen, die sich als Rechtsansprüche manifestieren, darunter liegt — erkennbar — eine frühe Bindungsstörung mit Affektregulationsdefizit. Das Erlernte: Bedürfnisse sind gefährlich, Ansprüche sind sicher. Die Frage der Einwilligung der Prinzessin wird in der Folgesitzung behutsam und direkter anzusprechen sein. Klient verlässt die Stunde ohne Abschiedsformel. Dreht sich an der Tür noch einmal um und sagt: „Ich habe übrigens noch nie jemandem von dem Aufflackern erzählt.“ Dann geht er.

Diagnosehinweis (vorläufig): Anpassungsstörung nach traumatischer Körperveränderung; narzisstische Persönlichkeitsanteile; Alexithymie mit kompensatorischem Kontrollverhalten. Prognose: vorsichtig positiv.