Fallstudie: Dornröschen

Therapieschule: Psychoanalyse (Fokus: Übertragung, Abwehrmechanismen, psychosexuelle Entwicklung)

Sitzungskontext: 14. Sitzung (fortgeschrittene probatorische Phase / Übergang zur Langzeittherapie)

Therapeut: Nehmen Sie ruhig Platz, Frau Röschen. Sie wirken heute etwas gehetzt. Woher kommen Ihre Gedanken im Moment?

Dornröschen: Ach, es ist das Übliche. Mein Mann versteht mich einfach nicht. Er wirft mir vor, ich sei emotional unerreichbar. Und diese ständige Müdigkeit, Herr Doktor. Ich habe das Gefühl, ich verschlafe mein halbes Leben, obwohl ich eigentlich nur funktioniere.

Therapeut: Sie fühlen sich blockiert, als läge ein Schleier über Ihrem Alltag. Erzählen Sie mir mehr von dieser Müdigkeit. Gibt es Momente, in denen sie besonders intensiv ist?

Dornröschen: Es ist wie ein plötzlicher Entzug von jeglicher Lebensenergie. Eine bleierne Schwere. Das hat damals in meiner Jugend angefangen, an meinem fünfzehnten Geburtstag. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Meine Eltern waren ausgeflogen – totale Vernachlässigung, wenn Sie mich fragen –, und ich war allein im Schloss. Ich bin dann in den alten Turm gestiegen. Reine Neugier, dachte ich. Und da saß diese ältere Frau mit einer Spindel.

Therapeut: Eine Spindel? Können Sie die Situation genauer beschreiben? Was assoziieren Sie mit diesem Gegenstand?

Dornröschen: Nun ja, ein spitzer, rotierender Gegenstand. Ich war seltsam fasziniert davon. Ich musste ihn einfach berühren. Und kaum hatte ich die Spitze berührt, gab es diesen stechenden Schmerz im Finger. Danach… tja, danach bin ich einfach weggesackt. Für ein Jahrhundert.

Therapeut: Ein Jahrhundert? Sie meinen, Sie haben eine sehr lange Zeit das Bewusstsein verloren? Oder beschreiben Sie hier ein Gefühl der inneren Erstarrung, das Ihnen wie eine Ewigkeit vorkam?

Dornröschen: Nein, es waren exakt einhundert Jahre. Das ganze Schloss ist mit einer Dornenhecke zugewachsen. Meine Eltern, die Hofkünstler, die Köche – alle sind einfach mit mir eingeschlafen. Völlige Stagnation des gesamten Familiensystems. Niemand kam rein, niemand kam raus. Wer es versuchte, blieb in den Dornen hängen und ist jämmerlich verreckt. Ich weiß, das klingt nach einer toxischen Beziehungsdynamik, aber für uns war es einfach Alltag.

Therapeut: (schweigt für einige Sekunden, räuspert sich leise) Einhundert Jahre psychischer Stillstand, der das gesamte Umfeld infiziert. Das ist eine… gewaltige Metapher für eine familiäre Depression oder eine kollektive Verleugnung. Aber bleiben wir bei Ihnen. Sie verletzen sich an einem spitzen Gegenstand, genau in der Phase des Übergangs von der Kindheit zur Frau, und fallen in einen tiefen, jahrhundertelangen Schlaf. Was löst dieser Gedanke in Ihnen aus?

Dornröschen: (lacht nervös) Oh, ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Sie Therapeuten sehen doch in jedem spitzen Ding ein Phallussymbol. Aber die Spindel war einfach nur eine Spindel! Und die alte Frau war eben eine verbitterte Statussymbol-Fetischistin, die sauer war, weil sie keine Einladung zu meiner Taufe bekommen hatte. Meine Eltern hatten damals nur zwölf goldene Teller, verstehen Sie? Also durfte die dreizehnte Fee nicht kommen. Budgetkürzungen bei der eigenen Tochter. Das ist die wahre Traumatisierung!

Therapeut: Sie lenken den Fokus rasch auf die materiellen Umstände und die Schuld Ihrer Eltern. Das ist ein interessanter Abwehrmechanismus. Wenn wir jedoch das Bild der Verletzung betrachten: Könnte es sein, dass das „Bluten“ nach dem Stich und der anschließende Rückzug in den Schlaf eine tiefe Angst vor der eigenen Sexualität und dem Erwachsenwerden widerspiegeln? Der Schlaf als Schutzraum vor den Anforderungen des Lebens?

Dornröschen: (rutscht unruhig auf dem Sessel hin und her) Das ist doch absurd. Ich habe keine Angst vor Sexualität. Ich bin schließlich verheiratet! Mein Mann hat mich aus diesem Schlaf geweckt. Er hat sich durch die Dornenhecke gekämpft, die sich übrigens genau an diesem Tag in wunderschöne Blumen verwandelt hat. Er kam in mein Zimmer, hat mich geküsst, und schwupps – war ich wach. Komplette Spontanheilung.

Therapeut: Ein Unbekannter dringt in Ihr isoliertes Zimmer ein, küsst Sie im Zustand der Bewusstlosigkeit, und das löst all Ihre Probleme? Wie haben Sie diesen Moment der Grenzüberschreitung erlebt?

Dornröschen: Es war… romantisch? Also, alle sagten, es sei romantisch. Der ganze Hofstaat war ja wieder wach und hat applaudiert. Da hinterfragt man das nicht. Man funktioniert einfach. Wir haben noch am selben Tag geheiratet. Aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke… Er kannte mich überhaupt nicht. Er hat mich quasi im Tiefschlaf konsumiert. Ich hatte überhaupt keine Stimme in diesem Prozess. Meine Einwilligung war implizit durch mein langes Schweigen gegeben, finden Sie nicht?

Therapeut: Ihr Schweigen als vermeintliche Zustimmung. Das klingt nach einer tiefen Ohnmacht. Sie wurden „aufgeweckt“, aber wurden Sie auch gefragt, ob Sie bereit dafür sind?

Dornröschen: (blickt starr an die Decke) Bereit? Ich war fünfzehn, als ich einschlief, und als ich aufwachte, war ich chronologisch einhundertfünfzehn, sollte aber eine junge Ehefrau und bald darauf Königin sein. Mein Mann liebt das Bild, das er von mir hat. Die makellose, schlafende Schönheit, die er gerettet hat. Aber manchmal, Herr Doktor, wenn er mich nachts berührt, werde ich einfach wieder ganz starr. Ich bewege mich nicht. Ich atme flach. Ich warte, bis es vorbei ist. Ich… ich gehe wieder zurück in den Turm.

Therapeut: Sie reinszenieren die Erstarrung. Der Turm und der Schlaf dienen Ihnen als regressiver Rückzugsort, wenn die Realität und die Intimität zu bedrohlich werden. Die Dornenhecke, von der Sie sprachen – schützt sie Sie vielleicht noch heute vor echter Nähe?

Dornröschen: (stimme wird schärfer) Jetzt übertreiben Sie aber. Mein Mann ist ein Held! Er hat Drachen bekämpft! Na ja, zumindest hat er die Hecke überwunden. Aber wissen Sie, was das Schlimmste ist? Er wirft mir vor, ich sei passiv-aggressiv. Nur weil ich manchmal tagelang nicht aus dem Bett komme. Er versteht einfach nicht, dass das mein biologischer Rhythmus ist. Nach einhundert Jahren Schlaf hat man eben einen verschobenen Melatoninspiegel.

Therapeut: Sie nutzen eine medizinische Erklärung, um sich nicht mit der zugrundeliegenden Dynamik auseinandersetzen zu müssen. Wenn wir die dreizehnte Fee betrachten – diese verstoßene, wütende Frau, die den Fluch aussprach. Welcher Anteil von Ihnen selbst könnte diese verstoßene Fee sein?

Dornröschen: (bricht in Tränen aus) Ich? Ich bin doch die Prinzessin! Ich bin die Gute, die Schöne, die Tugendhafte! Ich habe noch nie jemandem etwas getan!

Therapeut: (reicht ihr ein Taschentuch, hält die Spannung aus) Die Wut, Frau Röschen. Die Aggression, die im Schloss eingesperrt wurde. Wenn man nur perfekt, rein und schlafend sein darf, wohin geht dann die eigene Aggression? Die dreizehnte Fee wurde ausgeschlossen, so wie Sie vielleicht Ihre eigene Wut und Ihre eigenen Impulse ausschließen. Könnte der Stich mit der Spindel ein unbewusster Akt der Selbstbestrafung oder der Rebellion gegen die Überbehütung Ihrer Eltern gewesen sein?

Dornröschen: (weint heftig, schluchzt) Meine Eltern… sie haben alle Spindeln im ganzen Land verbrennen lassen. Nur um mich zu schützen. Sie haben mein ganzes Leben zensiert. Ich durfte nie wissen, was Gefahr ist. Und als ich diese Spindel sah… ich wollte einfach nur fühlen, dass ich lebe! Selbst wenn es wehtut!

Therapeut: Ein starker Impuls nach Lebendigkeit, der jedoch prompt mit einem symbolischen Tod bestraft wurde. Sie haben gelernt: Eigene Neugier und das Ausleben von Trieben führen zur Katastrophe. Also erstarren Sie lieber.

Dornröschen: (beruhigt sich langsam, wischt sich die Tränen ab) Aber wenn ich meine Dornenhecke ablege… wer bin ich dann noch? Wenn ich nicht mehr die schlafende Schönheit bin, muss ich mich den Konflikten stellen. Meinem Mann sagen, dass ich ihn eigentlich gar nicht kenne. Meinen Eltern sagen, dass ihre Überbehütung mich erstickt hat.

Therapeut: Das macht Ihnen verständlicherweise große Angst. Die Dornen halten die Welt auf Distanz, aber sie sperren Sie auch ein. Unsere Zeit für heute ist fast um, Frau Röschen. Ich möchte Ihnen eine Frage mitgeben, über die Sie bis zur nächsten Woche nachdenken können: Wer wären Sie, wenn Sie ganz aufwachen würden – ohne dass ein Prinz Sie dafür küssen muss?

Dornröschen: (schaut den Therapeuten lange an, ein müdes, aber wissendes Lächeln huscht über ihr Gesicht) Das ist eine beängstigende Frage, Herr Doktor. Davon werde ich wahrscheinlich erst einmal ein langes Nickerchen brauchen.

Therapeut: Versuchen Sie, diesmal wach zu bleiben. Wir sehen uns nächste Woche.