Therapieprotokoll: Die Hexe aus Hänsel und Gretel

Therapeut: Guten Morgen. Was führt Sie zu mir?

Hexe: Rufschädigung.

Therapeut: Rufschädigung?

Hexe: Seit Jahrhunderten werde ich auf eine einzige berufliche Fehlentscheidung reduziert.

Therapeut: Welche wäre das?

Hexe: Zwei Kinder essen zu wollen.

Therapeut: Das würden viele Menschen vermutlich nicht als Kleinigkeit betrachten.

Hexe: Genau das meine ich. Niemand interessiert sich für den Kontext.

Therapeut: Dann erzählen Sie mir den Kontext.

Hexe: Ich lebte allein im Wald.

Therapeut: Freiwillig?

Hexe: Ursprünglich ja. Später wurde es Gewohnheit.

Therapeut: Wie sah Ihr Alltag aus?

Hexe: Gartenarbeit, Kräuterkunde, Backen.

Therapeut: Backen?

Hexe: Ja. Merkwürdigerweise erinnert sich daran niemand.

Therapeut: Stattdessen?

Hexe: Lebkuchenhaus, Kinderfresserin, Ofen. Das übliche Narrativ.

Therapeut: Wie würden Sie Ihre Geschichte erzählen?

Hexe: Als Geschichte einer älteren Frau mit massiven Problemen in den Bereichen Einsamkeit, Grenzen und Ernährung.

Therapeut: Das klingt nach einer ungewöhnlichen Zusammenfassung.

Hexe: Ich habe darüber nachgedacht.

Therapeut: Wann begannen die Schwierigkeiten?

Hexe: Vermutlich lange vor Hänsel und Gretel.

Therapeut: Erzählen Sie.

Hexe: Ich war nie besonders beliebt. Menschen mochten meine Kräuter, aber nicht mich.

Therapeut: Woran lag das?

Hexe: Wissen macht andere nervös.

Therapeut: Das ist eine Möglichkeit.

Hexe: Außerdem war ich direkt.

Therapeut: Wie direkt?

Hexe: Wenn jemand Unsinn redete, sagte ich ihm, dass er Unsinn redete.

Therapeut: Das wird nicht immer geschätzt.

Hexe: Eben.

Therapeut: Gab es Familie?

Hexe: Früher.

Therapeut: Was bedeutet „früher“?

Hexe: So genau weiß ich das nicht mehr. Hexen werden sehr alt. Irgendwann verschwimmen Jahrzehnte.

Therapeut: Wer war Ihnen nah?

Hexe: Niemand dauerhaft.

Therapeut: Wie fühlte sich das an?

Hexe: Anfangs frei. Später leer.

Therapeut: Wann bemerkten Sie diese Leere?

Hexe: Als ich begann, mit meinem Kater zu diskutieren.

Therapeut: Das tun viele Menschen.

Hexe: Mein Kater war seit sieben Jahren tot.

Therapeut: Verstehe.

Hexe: Da wurde mir klar, dass ich vielleicht etwas isoliert lebte.

Therapeut: Was geschah dann?

Hexe: Eines Tages tauchten zwei Kinder vor meinem Haus auf.

Therapeut: Hänsel und Gretel.

Hexe: Genau.

Therapeut: Was dachten Sie, als Sie sie sahen?

Hexe: Zunächst war ich überrascht.

Therapeut: Warum?

Hexe: Weil Menschen normalerweise einen großen Bogen um mein Grundstück machten.

Therapeut: Und diese beiden nicht?

Hexe: Diese beiden begannen sofort, Teile meines Hauses zu essen.

Therapeut: Das ist tatsächlich ungewöhnlich.

Hexe: Stellen Sie sich vor, jemand knabbert Ihre Hauswand an.

Therapeut: Ich würde das vermutlich als Grenzverletzung erleben.

Hexe: Danke.

Therapeut: Sie fühlen sich in den Erzählungen missverstanden?

Hexe: Natürlich. Niemand fragt jemals, wie es für mich war.

Therapeut: Wie war es für Sie?

Hexe: Irritierend.

Therapeut: Mehr nicht?

Hexe: Auch erfreulich.

Therapeut: Erfreulich?

Hexe: Endlich war jemand da.

Therapeut: Das klingt wichtig.

Hexe: Ja.

Therapeut: Könnte es sein, dass die Kinder etwas repräsentierten?

Hexe: Was meinen Sie?

Therapeut: Gesellschaft. Beziehung. Lebendigkeit.

Hexe: Vielleicht.

Therapeut: Wie entwickelte sich die Situation?

Hexe: Ich lud sie ein.

Therapeut: Und dann?

Hexe: Dann wurde alles kompliziert.

Therapeut: Inwiefern?

Hexe: Ich hatte plötzlich Menschen im Haus.

Therapeut: Was war daran schwierig?

Hexe: Menschen sind chaotisch.

Therapeut: Können Sie ein Beispiel geben?

Hexe: Hänsel stellte ständig Fragen. Gretel beobachtete alles.

Therapeut: Das klingt nicht ungewöhnlich für Kinder.

Hexe: Für jemanden, der allein lebt, schon.

Therapeut: Wie würden Hänsel und Gretel Ihre Rolle beschreiben?

Hexe: Als Bedrohung.

Therapeut: Und wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?

Hexe: Als Gastgeberin mit gravierenden Defiziten in der Beziehungsgestaltung.

Therapeut: Das klingt fast selbstkritisch.

Hexe: Ich arbeite daran.

Therapeut: Wann entstand die Idee, Hänsel mästen zu wollen?

Hexe: Das ist die Frage, nicht wahr?

Therapeut: Eine wichtige Frage.

Hexe: Ich glaube nicht, dass es nur um Hunger ging.

Therapeut: Worum dann?

Hexe: Kontrolle.

Therapeut: Erzählen Sie mehr.

Hexe: Die Kinder brachten Unordnung in mein Leben.

Therapeut: Unordnung?

Hexe: Gefühle. Nähe. Erwartungen.

Therapeut: Und wie reagierten Sie darauf?

Hexe: Wie viele Menschen mit Bindungsproblemen.

Therapeut: Nämlich?

Hexe: Ich versuchte, die Situation zu kontrollieren.

Therapeut: Durch Gefangenschaft.

Hexe: Zugegeben keine optimale Lösung.

Therapeut: Was glauben Sie heute, wovor Sie sich schützen wollten?

Hexe: Vor Enttäuschung.

Therapeut: Das überrascht mich.

Hexe: Mich auch.

Therapeut: Wie meinen Sie das?

Hexe: Solange Hänsel im Käfig saß, konnte er mich nicht verlassen.

Therapeut: Das ist eine bemerkenswerte Perspektive.

Hexe: Nicht wahr?

Therapeut: Es klingt fast, als sei die Gefangenschaft ein misslungener Versuch gewesen, Beziehung festzuhalten.

Hexe: Das gefällt mir nicht.

Therapeut: Warum?

Hexe: Weil es plausibel klingt.

Therapeut: Was empfinden Sie dabei?

Hexe: Scham.

Therapeut: Weshalb?

Hexe: Weil ich immer dachte, ich sei mächtig.

Therapeut: Und jetzt?

Hexe: Jetzt klingt es, als wäre ich einsam gewesen.

Therapeut: Widerspricht sich das?

Hexe: Vielleicht nicht.

Therapeut: Was geschah am Ende?

Hexe: Gretel schubste mich in den Ofen.

Therapeut: Wie erleben Sie diesen Teil der Geschichte?

Hexe: Ambivalent.

Therapeut: Ambivalent?

Hexe: Einerseits war es unerquicklich.

Therapeut: Verständlich.

Hexe: Andererseits endet dort die Erzählung. Niemand fragt, was vorher geschehen ist.

Therapeut: Und deshalb sitzen Sie heute hier?

Hexe: Vielleicht.

Therapeut: Wenn wir Hänsel und Gretel fragen könnten, was Ihr größtes Problem war – was würden sie sagen?

Hexe: Dass ich gefährlich war.

Therapeut: Und was würden Sie sagen?

Hexe: Dass ich allein war.

Therapeut: Welcher Satz beschreibt die Situation besser?

Hexe: Beide.

Therapeut: Können beide gleichzeitig wahr sein?

Hexe: Wahrscheinlich.

Therapeut: Was nehmen Sie daraus mit?

Hexe: Dass ich mein ganzes Leben versucht habe, Stärke darzustellen.

Therapeut: Und darunter?

Hexe: Die Angst, vergessen zu werden.

Therapeut: Das klingt nach einem zentralen Thema.

Hexe: Ja.

Therapeut: Wenn wir uns in einem Jahr wiedersehen würden und Ihr Problem wäre kleiner geworden – woran würden Sie das merken?

Hexe: Ich würde Gäste einladen, ohne sie einzusperren.

Therapeut: Das erscheint mir ein realistisches Ziel.

Hexe: Die Messlatte liegt erfreulich niedrig.

Therapeut: Manchmal beginnt Veränderung genau dort.

Hexe: Wissen Sie, was das Verrückte ist?

Therapeut: Was?

Hexe: Jahrhunderte lang dachte ich, meine Geschichte handle vom Ofen.

Therapeut: Und heute?

Hexe: Heute frage ich mich, ob sie eigentlich von Einsamkeit handelt.

Therapeut: Das könnte eine gute Frage für unsere nächste Sitzung sein.

Hexe: Ja.

Therapeut: Welche Frage genau?

Hexe: Wie jemand, der so viel Angst vor dem Alleinsein hat, am Ende allein im Wald landen konnte.