Therapeut: „Sie sagten am Telefon, Sie hätten Schwierigkeiten mit Ihrem Ruf.“

Wolf: „Schwierigkeiten ist milde formuliert. Ich bin im gesamten Wald praktisch eine Fallstudie für negatives Branding.“

Therapeut: „Wodurch ist dieses Bild entstanden?“

Wolf: „Durch einen Vorfall. Gut, technisch gesehen waren es mehrere, aber sie werden gewöhnlich unter einem Titel zusammengefasst.“

Therapeut: „Erzählen Sie.“

Wolf: „Ich war hungrig. Eine Geißenmutter ließ ihre sieben Kinder allein zu Hause. Die Tür war verschlossen. Ich klopfte an.“

Therapeut: „Und?“

Wolf: „Sie wollten mich nicht hereinlassen. Sie sagten, meine Stimme sei zu rau.“

Therapeut: „Das klingt zunächst nachvollziehbar.“

Wolf: „Also veränderte ich meine Stimme. Ich aß Kreide.“

Therapeut: „Sie aßen Kreide.“

Wolf: „Ja.“

Therapeut: „Um Ihre Stimme heller klingen zu lassen.“

Wolf: „Korrekt.“

Therapeut: „Und das genügte?“

Wolf: „Nicht ganz. Sie bemerkten meine Pfoten. Also ließ ich sie mit Mehl bestäuben.“

Therapeut: „Sie investierten beträchtliche Energie in die Täuschung.“

Wolf: „Ich würde es Anpassungsfähigkeit nennen.“

Therapeut: „Verstehe.“

Wolf: „Jedenfalls öffneten sie die Tür.“

Therapeut: „Und dann?“

Wolf: „Dann fraß ich sechs von ihnen. Eines versteckte sich.“

Therapeut: „Wie fühlten Sie sich dabei?“

Wolf: „Satt.“

Therapeut: „Sonst nichts?“

Wolf: „Ich war ein Wolf.“

Therapeut: „Sie sprechen in der Vergangenheitsform.“

Wolf: „Das ist kompliziert.“

Therapeut: „Dann machen wir es kompliziert.“

Wolf: „Nach dem Essen legte ich mich unter einen Baum und schlief ein. Als ich aufwachte, war mein Bauch aufgeschnitten und mit Steinen gefüllt.“

Therapeut: „Ihr Bauch war aufgeschnitten.“

Wolf: „Ja.“

Therapeut: „Und Sie leben.“

Wolf: „Ja.“

Therapeut: „Wie erklären Sie sich das?“

Wolf: „Gar nicht.“

Therapeut: „Fahren Sie fort.“

Wolf: „Die Geißlein wurden befreit. Ich ging zum Brunnen, verlor das Gleichgewicht und fiel hinein.“

Therapeut: „Sie starben.“

Wolf: „Offenbar nicht endgültig.“

Therapeut: „Sie erzählen das mit bemerkenswerter Gelassenheit.“

Wolf: „Wenn man einmal ertrunken ist, verschieben sich Prioritäten.“

Therapeut: „Und weshalb kommen Sie jetzt in Therapie?“

Wolf: „Weil ich seit Jahren denselben Traum habe.“

Therapeut: „Welchen?“

Wolf: „Ich stehe vor einer Tür. Ich klopfe. Niemand öffnet.“

Therapeut: „Was geschieht dann?“

Wolf: „Ich höre Stimmen hinter der Tür. Sie sagen: ‚Wir wissen, wer du bist.‘“

Therapeut: „Was empfinden Sie dabei?“

Wolf: „Wut. Und etwas anderes.“

Therapeut: „Was könnte dieses andere sein?“

Wolf: „Vielleicht Scham.“

Therapeut: „Sie klingen nicht überzeugt.“

Wolf: „Das Wort gefällt mir nicht.“

Therapeut: „Warum nicht?“

Wolf: „Weil es nach Schwäche klingt.“

Therapeut: „Vielleicht vermeiden Sie deshalb den Kontakt damit.“

Wolf: „Möglich.“

Therapeut: „Die Tiere im Wald vertrauen Ihnen nicht?“

Wolf: „Nein.“

Therapeut: „Verwundert Sie das?“

Wolf: „Nein.“

Therapeut: „Und dennoch belastet es Sie.“

Wolf: „Ja.“

Therapeut: „Sie erleben sich als auf eine einzige Geschichte reduziert.“

Wolf: „Genau. Niemand interessiert sich dafür, was davor oder danach war.“

Therapeut: „Und wie sehen Sie selbst diese Geschichte?“

Wolf: „Als etwas, das passiert ist.“

Therapeut: „Etwas, das passiert ist?“

Wolf: „Ja.“

Therapeut: „Mir fällt auf, wie distanziert Sie darüber sprechen.“

Wolf: „Wie sollte ich denn darüber sprechen?“

Therapeut: „Das weiß ich noch nicht. Aber ich frage mich, ob die Distanz eine Funktion hat.“

Wolf: „Welche?“

Therapeut: „Vielleicht schützt sie Sie davor, sich bestimmte Fragen zu stellen.“

Wolf: „Zum Beispiel?“

Therapeut: „Warum es Ihnen so wichtig war, hinter diese Tür zu gelangen.“

Wolf: „Weil ich Hunger hatte.“

Therapeut: „Nur deshalb?“

Wolf: „Natürlich.“

Therapeut: „Sie sagen das sehr schnell.“

Wolf: „Was soll das bedeuten?“

Therapeut: „Dass die Antwort möglicherweise gut vorbereitet ist.“

Wolf: „Sie glauben mir nicht.“

Therapeut: „Ich frage mich lediglich, ob Hunger für Sie noch etwas anderes bedeutet.“

Wolf: „Wie meinen Sie das?“

Therapeut: „Erzählen Sie von Ihrer Mutter.“

Wolf: „Sie war eine hervorragende Jägerin.“

Therapeut: „Wie ging sie mit Gefühlen um?“

Wolf: „Gar nicht.“

Therapeut: „Und wie ging sie mit Hunger um?“

Wolf: „Der Hunger war das Wichtigste.“

Therapeut: „Was geschah, wenn Sie Angst hatten?“

Wolf: „Dann sollte ich stärker werden.“

Therapeut: „Und wenn Sie traurig waren?“

Wolf: „Dann ebenfalls.“

Therapeut: „Dann könnte es sein, dass verschiedene Gefühle in Ihrem Leben unter einer einzigen Überschrift zusammengefasst wurden.“

Wolf: „Hunger.“

Therapeut: „Genau.“

Wolf: „Sie meinen, ich erkenne andere Gefühle nicht?“

Therapeut: „Ich frage mich, ob sie für Sie schwer zugänglich sind.“

Wolf: „Das klingt unangenehm.“

Therapeut: „Viele wichtige Erkenntnisse sind unangenehm.“

Wolf: „Das glaube ich inzwischen.“

Therapeut: „Mir fällt noch etwas auf. Ihre Geschichte beginnt mit einer verschlossenen Tür.“

Wolf: „Ja.“

Therapeut: „Und Sie unternehmen enorme Anstrengungen, um jemand anderes zu werden.“

Wolf: „Ich musste.“

Therapeut: „Mussten Sie?“

Wolf: „Was meinen Sie?“

Therapeut: „Sie verändern Ihre Stimme. Sie verändern Ihr Aussehen. Sie verstecken, wer Sie sind.“

Wolf: „Sonst hätte niemand geöffnet.“

Therapeut: „Das klingt nach einer sehr alten Überzeugung.“

Wolf: „Vielleicht.“

Therapeut: „Wie lautet diese Überzeugung?“

Wolf: „Dass niemand einem Wolf die Tür öffnet.“

Therapeut: „Und seit wann glauben Sie das?“

Wolf: „Ich weiß es nicht.“

Therapeut: „Dann wäre das vielleicht eine Frage für unsere Arbeit.“

Wolf: „Sie meinen, das Problem begann nicht erst bei den Geißlein.“

Therapeut: „Das halte ich für möglich.“

Wolf: „Dann hätte ich mich schon lange vor dieser Geschichte ausgeschlossen gefühlt.“

Therapeut: „Vielleicht.“

Wolf: „Das würde einiges erklären.“

Therapeut: „Zum Beispiel?“

Wolf: „Warum ich unbedingt hineinmusste.“

Therapeut: „Wie fühlt sich dieser Gedanke an?“

Wolf: „Beunruhigend.“

Therapeut: „Warum?“

Wolf: „Weil dann nicht die Geißlein im Mittelpunkt stehen.“

Therapeut: „Sondern?“

Wolf: „Die Frage, weshalb ich überzeugt war, dass ich nur als jemand anderes willkommen sein könnte.“

Therapeut: „Das erscheint mir ein guter Punkt für heute.“

Wolf: „Mir leider auch.“