
Therapeut: Willkommen. Was hat Sie heute zu mir geführt?
Wolf: Mein Ruf.
Therapeut: Ihr Ruf?
Wolf: Ich bin in mehreren Generationen von Kinderbüchern als Serienräuber, Menschenfresser und Waldstalker dokumentiert. Das belastet mich zunehmend.
Therapeut: Wer würde sagen, dass Sie dieses Problem haben?
Wolf: Die Förster. Die Großmütter. Die Verlage. Eigentlich alle außer den Wölfen.
Therapeut: Und Sie selbst?
Wolf: Ich würde sagen, ich habe ein Imageproblem. Andere sagen, ich hätte ein Verhaltensproblem.
Therapeut: Was ist der Unterschied?
Wolf: Das Verhalten liegt Jahrzehnte zurück. Das Image wird ständig neu aufgelegt.
Therapeut: Erzählen Sie mir davon.
Wolf: Es begann mit einem Mädchen. Rote Kappe. Korb. Waldweg.
Therapeut: Wie alt waren Sie damals?
Wolf: Im besten Raubtieralter. Selbstständig, territorial, etwas impulsiv. Ich traf dieses Kind im Wald und begann ein Gespräch.
Therapeut: Ein Gespräch.
Wolf: Ja. Heute würde man von einem Erstkontakt sprechen.
Therapeut: Und wie entwickelte sich dieser Kontakt?
Wolf: Ich fragte nach ihrem Ziel. Sie erzählte bereitwillig alles: Wohnort der Großmutter, Wegbeschreibung, Gesundheitszustand der Verwandten. Datenschutz war damals noch kein Thema.
Therapeut: Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?
Wolf: Ehrlich?
Therapeut: Bitte.
Wolf: Ich dachte: Diese Familie hat bemerkenswert schwache Grenzen.
Therapeut: Schwache Grenzen?
Wolf: Ein Kind läuft allein durch einen Wald und gibt einem Fremden sensible Informationen. Niemand findet das problematisch. Aber am Ende bin ich der Fall für die Therapie.
Therapeut: Sie erleben also eine gewisse Einseitigkeit in der Bewertung.
Wolf: Exakt.
Therapeut: Was geschah dann?
Wolf: Ich ging zur Großmutter. Die Tür war offen. Oder sie öffnete sie. Die Details variieren je nach Ausgabe.
Therapeut: Und dann?
Wolf: Dann ereignete sich etwas, das ich heute als eskalierende Systemdynamik beschreiben würde.
Therapeut: Beschreiben Sie das genauer.
Wolf: Ich aß die Großmutter.
Therapeut: Sie sagen das bemerkenswert nüchtern.
Wolf: Ich bin seit Jahren in der Aufarbeitung. Außerdem klingt es seltsam, wenn man emotional darüber spricht.
Therapeut: Was glauben Sie, würde die Großmutter heute über diese Situation sagen?
Wolf: Vermutlich wenig. Sie wurde gegessen.
Therapeut: Nehmen wir an, sie könnte sprechen.
Wolf: Dann würde sie wahrscheinlich sagen, dass sie sich überrumpelt fühlte.
Therapeut: Und was würden Sie antworten?
Wolf: Dass ich damals Hunger hatte und über keine ausreichenden Kompetenzen zur Bedürfnisregulation verfügte.
Therapeut: Das klingt einstudiert.
Wolf: Das sagt meine Selbsthilfegruppe auch.
Therapeut: Es gibt eine Selbsthilfegruppe?
Wolf: „Märchenantagonisten anonym“. Jeden zweiten Donnerstag. Das tapfere Schneiderlein leitet sie.
Therapeut: Verstehe. Wie ging es nach dem Besuch bei der Großmutter weiter?
Wolf: Ich zog ihre Kleidung an und legte mich ins Bett.
Therapeut: Wenn Sie heute darauf zurückblicken: Was war die Idee dahinter?
Wolf: Damals hielt ich das für einen cleveren Plan.
Therapeut: Und heute?
Wolf: Heute sehe ich gewisse Schwächen.
Therapeut: Welche?
Wolf: Zum Beispiel, dass ich ein Wolf bin.
Therapeut: Das erschwerte die Tarnung?
Wolf: Erheblich. Ich hatte Fell, Zähne, Ohren und eine Schnauze. Rückblickend war die Verkleidung nicht optimal.
Therapeut: Dennoch blieb das Mädchen zunächst im Kontakt.
Wolf: Das beschäftigt mich bis heute.
Therapeut: Inwiefern?
Wolf: Sie bemerkte zahlreiche Auffälligkeiten. Große Ohren. Große Augen. Große Hände. Große Zähne.
Therapeut: Und?
Wolf: Und trotzdem blieb sie sitzen und stellte weitere Fragen.
Therapeut: Welche Bedeutung geben Sie diesem Umstand?
Wolf: Vielleicht war ich nicht der Einzige mit problematischer Risikoeinschätzung.
Therapeut: Das klingt, als würden Sie Verantwortung verteilen.
Wolf: Tue ich wahrscheinlich.
Therapeut: Was wäre die Alternative?
Wolf: Dass ich anerkenne, dass ich die Situation aktiv herbeigeführt habe.
Therapeut: Wie fühlt sich dieser Gedanke an?
Wolf: Unangenehm.
Therapeut: Wo spüren Sie das?
Wolf: Im Magen.
Therapeut: Das ist eine bemerkenswerte Formulierung für einen Wolf.
Wolf: Ja.
Therapeut: Was geschah danach?
Wolf: Danach aß ich Rotkäppchen.
Therapeut: Und dann?
Wolf: Dann schlief ich ein.
Therapeut: Direkt danach?
Wolf: Ich hatte zwei Menschen und eine Großmutter verdaut. Der Blutzucker war vermutlich erhöht.
Therapeut: Was passierte anschließend?
Wolf: Ein Jäger schnitt meinen Bauch auf.
Therapeut: Das klingt traumatisch.
Wolf: Das war es auch.
Therapeut: Wurde darüber jemals gesprochen?
Wolf: Kaum. Die Öffentlichkeit konzentrierte sich stark auf die Rettung der anderen Beteiligten.
Therapeut: Sie fühlen sich mit Ihrer Perspektive übersehen.
Wolf: Natürlich. Stellen Sie sich vor, jemand öffnet chirurgisch Ihren Bauch ohne Einwilligung und anschließend gelten Sie als der Böse.
Therapeut: Wie haben Sie dieses Erlebnis verarbeitet?
Wolf: Gar nicht.
Therapeut: Was meinen Sie damit?
Wolf: Danach begann mein Leben als Symbolfigur. Jeder kannte die Geschichte. Niemand fragte nach meiner.
Therapeut: Was wäre Ihre Geschichte?
Wolf: Dass ich in einem Wald lebte, in dem alle Rollen bereits verteilt waren. Das unschuldige Kind. Die gute Großmutter. Der rettende Jäger. Und der Wolf.
Therapeut: Der Wolf.
Wolf: Genau. Sobald ich auftrete, weiß jeder, wer ich zu sein habe.
Therapeut: Was glauben Sie, würde passieren, wenn Sie diese Rolle nicht erfüllen?
Wolf: Vielleicht gäbe es gar keine Geschichte.
Therapeut: Das ist interessant.
Wolf: Wie meinen Sie das?
Therapeut: Es klingt, als hätten Sie eine Funktion im System erfüllt.
Wolf: Also war ich notwendig?
Therapeut: Nicht notwendig für das Geschehen selbst. Aber vielleicht notwendig für die Erzählung.
Wolf: Das gefällt mir nicht.
Therapeut: Warum?
Wolf: Weil es mich entlastet und belastet zugleich.
Therapeut: Erklären Sie das.
Wolf: Wenn ich nur der Böse bin, ist alles einfach. Wenn ich Teil eines Systems bin, muss ich mich fragen, welchen Anteil ich hatte und welche Möglichkeiten ich übersehen habe.
Therapeut: Welche Möglichkeiten könnten das gewesen sein?
Wolf: Weitergehen. Ein Kaninchen fangen. Die Großmutter nicht essen.
Therapeut: Das sind einige Möglichkeiten.
Wolf: Ja.
Therapeut: Welche davon erscheint Ihnen heute am realistischsten?
Wolf: Das Kaninchen.
Therapeut: Das ist bemerkenswert konkret.
Wolf: Ich versuche, mit kleinen Schritten zu arbeiten.
Therapeut: Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft schauen und Ihr Problem wäre deutlich kleiner geworden – woran würden Sie das merken?
Wolf: Menschen würden mich sehen und nicht sofort ihre Kinder festhalten.
Therapeut: Was noch?
Wolf: Vielleicht würde jemand fragen, wie es mir geht.
Therapeut: Und wie würde es Ihnen dann gehen?
Wolf: Ruhiger.
Therapeut: Was müssten Sie selbst dazu beitragen?
Wolf: Wahrscheinlich akzeptieren, dass ich nicht nur Opfer meines Rufes bin.
Therapeut: Sondern?
Wolf: Jemand, der Entscheidungen getroffen hat.
Therapeut: Wie ist es, das auszusprechen?
Wolf: Schwerer als erwartet.
Therapeut: Was nehmen Sie aus der heutigen Sitzung mit?
Wolf: Dass ich jahrelang gegen das Etikett „böser Wolf“ gekämpft habe.
Therapeut: Und?
Wolf: Vielleicht sollte ich weniger gegen das Etikett kämpfen und mehr verstehen, warum ich so lange daran festgehalten habe.
Therapeut: Was vermuten Sie?
Wolf: Wenn alle glauben, dass man ein Monster ist, muss man sich nie fragen, wer man sonst noch sein könnte.
Therapeut: Das klingt nach einer wichtigen Frage.
Wolf: Ja.
Therapeut: Welche?
Wolf: Wer wäre der Wolf gewesen, wenn er an diesem Tag einfach weitergelaufen wäre?
Therapeut: Das erscheint mir ein guter Punkt, um heute zu schließen.
Wolf: Mir auch. Und seltsamerweise macht mir genau diese Frage mehr Angst als der Jäger.