Therapieprotokoll: Aschenputtel

Psychoanalytische Sitzung – 28. Stunde

Therapeut: Sie haben beim letzten Mal gesagt, dass Sie sich auch heute noch schuldig fühlen, wenn andere Menschen enttäuscht von Ihnen sind.

Aschenputtel: Ja.

Therapeut: Woran mussten Sie seitdem denken?

Aschenputtel: An die Linsen.

Therapeut: Die Linsen?

Aschenputtel: Das sagen die meisten Menschen.

Therapeut: Dann helfen Sie mir bitte weiter.

Aschenputtel: Meine Stiefmutter schüttete einmal eine Schüssel Linsen in die Asche und sagte, ich dürfe nur zum Fest gehen, wenn ich sie wieder herauslese.

Therapeut: Und Sie taten es.

Aschenputtel: Natürlich.

Therapeut: Warum natürlich?

Aschenputtel: Weil sie es verlangt hatte.

Therapeut: Hätten Sie auch Nein sagen können?

Aschenputtel: Theoretisch?

Therapeut: Ja.

Aschenputtel: Theoretisch kann man vieles.

Therapeut: Praktisch nicht?

Aschenputtel: Praktisch war ich das Kind, dessen Mutter gestorben war und dessen Vater lieber wegsah.

Therapeut: Das klingt schmerzhaft.

Aschenputtel: Es war vor allem verwirrend.

Therapeut: Inwiefern?

Aschenputtel: Alle erzählen meine Geschichte als Triumphgeschichte. Das arme Mädchen wird Prinzessin. Ende gut, alles gut.

Therapeut: Und Sie sehen das anders?

Aschenputtel: Ich frage mich manchmal, warum niemand über die Jahre davor spricht.

Therapeut: Dann sprechen wir darüber.

Aschenputtel: Meine Mutter starb, als ich noch jung war. Vor ihrem Tod sagte sie, ich solle fromm und gut bleiben.

Therapeut: Welche Bedeutung haben diese Worte für Sie?

Aschenputtel: Sie waren lange mein Lebensprogramm.

Therapeut: Wie meinen Sie das?

Aschenputtel: Ich glaubte, wenn ich nur gut genug wäre, würde alles wieder richtig werden.

Therapeut: Was heißt „gut genug“?

Aschenputtel: Nicht widersprechen. Nicht klagen. Arbeiten. Helfen. Aushalten.

Therapeut: Das klingt weniger nach Güte als nach Selbstaufgabe.

Aschenputtel: Das sagen Sie schon seit einigen Sitzungen.

Therapeut: Und was denken Sie darüber?

Aschenputtel: Dass ich es nicht hören möchte.

Therapeut: Warum?

Aschenputtel: Weil es meine Mutter betrifft.

Therapeut: Bleiben Sie bei diesem Gedanken.

Aschenputtel: Wenn ich zugebe, dass diese Worte mir geschadet haben könnten, fühlt es sich an, als würde ich sie verraten.

Therapeut: Sie schützen die Erinnerung an Ihre Mutter.

Aschenputtel: Ja.

Therapeut: Auch auf Ihre eigenen Kosten?

Aschenputtel: Vermutlich.

Therapeut: Erzählen Sie von Ihrem Vater.

Aschenputtel: Er war kein schlechter Mensch.

Therapeut: Das sagen Sie sofort.

Aschenputtel: Weil alle erwarten, dass ich ihn hasse.

Therapeut: Tun Sie das?

Aschenputtel: Nein.

Therapeut: Was empfinden Sie stattdessen?

Aschenputtel: Enttäuschung.

Therapeut: Weil?

Aschenputtel: Er sah alles.

Therapeut: Alles?

Aschenputtel: Die Arbeit. Die Demütigungen. Die Ungerechtigkeit.

Therapeut: Und er griff nicht ein.

Aschenputtel: Nein.

Therapeut: Was denken Sie heute darüber?

Aschenputtel: Dass Wegsehen manchmal genauso schmerzhaft sein kann wie Grausamkeit.

Therapeut: Das ist ein wichtiger Satz.

Aschenputtel: Ich habe lange gebraucht, um ihn auszusprechen.

Therapeut: Was geschah danach?

Aschenputtel: Die Stiefmutter übernahm das Haus. Meine Stiefschwestern ebenfalls.

Therapeut: Wie waren diese Beziehungen?

Aschenputtel: Konkurrenzlos.

Therapeut: Konkurrenzlos?

Aschenputtel: Sie konkurrierten. Ich ergab mich.

Therapeut: Warum?

Aschenputtel: Ich hielt mich für unterlegen.

Therapeut: Aufgrund welcher Erfahrung?

Aschenputtel: Weil mir täglich erklärt wurde, dass ich unterlegen sei.

Therapeut: Glaubten Sie das?

Aschenputtel: Irgendwann schon.

Therapeut: Was fällt Ihnen auf, wenn Sie das heute erzählen?

Aschenputtel: Dass ich erstaunlich wenig rebelliert habe.

Therapeut: Was empfinden Sie darüber?

Aschenputtel: Scham.

Therapeut: Warum Scham?

Aschenputtel: Weil Menschen mutige Geschichten mögen.

Therapeut: Und Ihre Geschichte?

Aschenputtel: Ist größtenteils eine Geschichte des Erduldens.

Therapeut: Sind Sie sicher?

Aschenputtel: Wie meinen Sie das?

Therapeut: Sie haben überlebt. Sie haben Hoffnungen bewahrt. Sie haben sich innerlich nicht vollständig unterworfen.

Aschenputtel: Das klingt weniger passiv.

Therapeut: Vielleicht war Ihr Widerstand subtiler.

Aschenputtel: Darüber habe ich nie nachgedacht.

Therapeut: Erzählen Sie vom Grab Ihrer Mutter.

Aschenputtel: Dort ging ich oft hin.

Therapeut: Warum?

Aschenputtel: Weil es der einzige Ort war, an dem ich mich gesehen fühlte.

Therapeut: Von wem?

Aschenputtel: Das ist schwer zu sagen.

Therapeut: Versuchen Sie es.

Aschenputtel: Von meiner Vorstellung meiner Mutter.

Therapeut: Nicht von Ihrer tatsächlichen Mutter?

Aschenputtel: Die kannte ich kaum noch.

Therapeut: Interessant.

Aschenputtel: Warum?

Therapeut: Es klingt, als hätten Sie sich eine innere Begleiterin geschaffen.

Aschenputtel: Das klingt sehr psychoanalytisch.

Therapeut: Das ist leider mein Beruf.

Aschenputtel: Ich hatte gehofft, Sie würden es nicht bemerken.

Therapeut: Ich bemühe mich.

Aschenputtel: Jedenfalls wuchs dort ein Baum.

Therapeut: Der berühmte Baum?

Aschenputtel: Offenbar ist er berühmter als ich.

Therapeut: Das passiert manchen Klienten.

Aschenputtel: Der Baum half mir.

Therapeut: Wie?

Aschenputtel: Er gab mir Hoffnung.

Therapeut: Und schließlich das Kleid für den Ball.

Aschenputtel: Ja.

Therapeut: Wie war es, plötzlich bewundert zu werden?

Aschenputtel: Beunruhigend.

Therapeut: Nicht erfreulich?

Aschenputtel: Auch. Aber vor allem beunruhigend.

Therapeut: Warum?

Aschenputtel: Weil ich nicht wusste, wer diese Frau war.

Therapeut: Welche Frau?

Aschenputtel: Die schöne Frau auf dem Ball.

Therapeut: Sie selbst.

Aschenputtel: Genau das war das Problem.

Therapeut: Erklären Sie.

Aschenputtel: Tagsüber war ich das Dienstmädchen. Abends die Prinzessin. Ich wusste nicht, welche von beiden echt war.

Therapeut: Welche Antwort haben Sie gefunden?

Aschenputtel: Keine.

Therapeut: Und heute?

Aschenputtel: Vielleicht waren beide echt.

Therapeut: Das erscheint plausibel.

Aschenputtel: Damals erschien es mir wie Betrug.

Therapeut: Deshalb liefen Sie weg?

Aschenputtel: Unter anderem.

Therapeut: Was war der andere Grund?

Aschenputtel: Angst.

Therapeut: Wovor?

Aschenputtel: Entdeckt zu werden.

Therapeut: Als Dienstmädchen?

Aschenputtel: Ja.

Therapeut: Das ist interessant.

Aschenputtel: Warum?

Therapeut: Viele Menschen fürchten, als Hochstapler entlarvt zu werden. Sie fürchteten, als Ihr wahres Selbst erkannt zu werden.

Aschenputtel: Das klingt traurig.

Therapeut: Ist es das?

Aschenputtel: Ja.

Therapeut: Was geschah mit dem Schuh?

Aschenputtel: Ich verlor ihn.

Therapeut: Zufällig?

Aschenputtel: Das fragen Sie nicht wirklich.

Therapeut: Nein.

Aschenputtel: Vielleicht wollte ein Teil von mir gefunden werden.

Therapeut: Von wem?

Aschenputtel: Das weiß ich nicht.

Therapeut: Vom Prinzen?

Aschenputtel: Vielleicht.

Therapeut: Noch jemand?

Aschenputtel: Von mir selbst.

Therapeut: …

Aschenputtel: Das klang bedeutungsvoller, als ich beabsichtigt hatte.

Therapeut: Oft sind solche Sätze wichtig.

Aschenputtel: Wahrscheinlich.

Therapeut: Wie sehen Sie den Prinzen heute?

Aschenputtel: Er war freundlich.

Therapeut: Mehr?

Aschenputtel: Ehrlich gesagt weiß ich es nicht.

Therapeut: Nicht?

Aschenputtel: Wir haben drei Abende miteinander getanzt. Danach heirateten wir.

Therapeut: Wenn Sie es so formulieren, wirkt die Beziehung bemerkenswert schnell.

Aschenputtel: Im Märchen muss es in solchen Situationen schnell gehen.

Therapeut: Das habe ich bereits vermutet.

Aschenputtel: Er war nicht die Lösung meiner Probleme.

Therapeut: Sondern?

Aschenputtel: Die Gelegenheit, ihnen zu entkommen.

Therapeut: Das ist ein Unterschied.

Aschenputtel: Ja.

Therapeut: Was nehmen Sie heute aus dieser Stunde mit?

Aschenputtel: Dass ich mein Leben lang geglaubt habe, meine Stärke liege im Ertragen.

Therapeut: Und jetzt?

Aschenputtel: Jetzt frage ich mich, ob meine eigentliche Stärke darin lag, trotz allem an meinem eigenen Wert festzuhalten.

Therapeut: Wie fühlt sich dieser Gedanke an?

Aschenputtel: Fremd.

Therapeut: Und noch?

Aschenputtel: Erstaunlich tröstlich.

Therapeut: Dann lassen wir ihn bis zur nächsten Stunde wirken.

Aschenputtel: Gut.

Therapeut: Gibt es eine Frage, die Sie mitnehmen möchten?

Aschenputtel: Ja.

Therapeut: Welche?

Aschenputtel: Wenn ich nicht mehr das Mädchen in der Asche bin – wer bin ich dann?