
Therapieprotokoll: Allerleirauh
Therapieschule: Systemische Therapie
Therapeut: Guten Morgen. Was hat Sie zu mir geführt?
Allerleirauh: Das ist schwer zu beantworten. Die meisten Menschen würden sagen: meine Familiengeschichte.
Therapeut: Was würden Sie sagen?
Allerleirauh: Dass ich irgendwann aufgehört habe zu wissen, wer ich eigentlich bin.
Therapeut: Erzählen Sie mir davon.
Allerleirauh: Ich war eine Königstochter. Mein Vater war ein mächtiger Herrscher, meine Mutter galt als die schönste Frau des Landes. Als sie starb, wurde alles kompliziert.
Therapeut: Was veränderte sich?
Allerleirauh: Vor ihrem Tod ließ sie meinem Vater versprechen, nur eine Frau zu heiraten, die ihr vollkommen gleiche.
Therapeut: Und?
Allerleirauh: Es stellte sich heraus, dass niemand ihr glich.
Therapeut: Das klingt zunächst wenig überraschend.
Allerleirauh: Mein Vater sah das anders.
Therapeut: Wie meinen Sie das?
Allerleirauh: Nach einiger Zeit kam er zu dem Schluss, dass ich meiner Mutter am ähnlichsten sei.
Therapeut: Ich verstehe.
Allerleirauh: Die meisten Therapeuten sagen das in genau diesem Tonfall.
Therapeut: Was ging damals in Ihnen vor?
Allerleirauh: Zuerst glaubte ich, er sei verwirrt vor Trauer. Dann begriff ich, dass er es ernst meinte.
Therapeut: Mit wem konnten Sie darüber sprechen?
Allerleirauh: Mit niemandem. Am Hof gab es viele Menschen, aber niemanden, der widersprach.
Therapeut: Was sagt Ihnen das heute über das System, in dem Sie lebten?
Allerleirauh: Dass alle Angst hatten.
Therapeut: Vor wem?
Allerleirauh: Vor meinem Vater.
Therapeut: Wenn Angst die eigentliche Herrscherin des Schlosses gewesen wäre – wie hätte sie regiert?
Allerleirauh: Lautlos.
Therapeut: Was meinen Sie damit?
Allerleirauh: Niemand sagte offen, was falsch war. Die Menschen schwiegen einfach.
Therapeut: Und Sie?
Allerleirauh: Ich versuchte Zeit zu gewinnen.
Therapeut: Durch die berühmten Kleider?
Allerleirauh: Genau.
Therapeut: Erzählen Sie.
Allerleirauh: Ich verlangte ein Kleid so golden wie die Sonne. Dann eines so silbern wie der Mond. Dann eines so glänzend wie die Sterne.
Therapeut: In der Hoffnung, dass die Forderungen unerfüllbar wären?
Allerleirauh: Ja.
Therapeut: Waren sie es?
Allerleirauh: Leider war mein Vater König. Probleme verschwanden bei ihm meistens unter Einsatz großer Mengen von Gold.
Therapeut: Das klingt nach einer vertrauten Erfahrung.
Allerleirauh: Am Hof war das die Standardlösung für alles.
Therapeut: Was geschah, als die Kleider tatsächlich geliefert wurden?
Allerleirauh: Da bekam ich Angst.
Therapeut: Mehr als zuvor?
Allerleirauh: Vorher hoffte ich noch auf Vernunft. Danach verstand ich, dass ich selbst handeln musste.
Therapeut: Sie flohen.
Allerleirauh: Ja.
Therapeut: Wie war das?
Allerleirauh: Furchtbar.
Therapeut: Viele Menschen beschreiben Flucht gleichzeitig als Befreiung und Verlust.
Allerleirauh: Das trifft es gut. Ich rettete mich und verlor alles.
Therapeut: Warum der Mantel aus Fellen?
Allerleirauh: Weil niemand eine Prinzessin sucht, die aussieht wie eine Prinzessin.
Therapeut: Also eine Tarnung.
Allerleirauh: Mehr als das.
Therapeut: Was noch?
Allerleirauh: Vielleicht eine Strafe.
Therapeut: Für wen?
Allerleirauh: Das weiß ich nicht.
Therapeut: Denken Sie laut.
Allerleirauh: Vielleicht für mich.
Therapeut: Wofür?
Allerleirauh: Dafür, dass ich meine Familie verlassen habe.
Therapeut: Obwohl Sie sich schützen mussten?
Allerleirauh: Gefühle interessieren sich selten für Logik.
Therapeut: Das stimmt.
Allerleirauh: Ich lebte dann in einem fremden Schloss in einer kleinen Kammer neben der Küche.
Therapeut: Von Königstochter zu Küchenmagd.
Allerleirauh: Es war ein erheblicher sozialer Abstieg.
Therapeut: Wie erlebten Sie ihn?
Allerleirauh: Seltsam friedlich.
Therapeut: Friedlich?
Allerleirauh: Niemand wollte etwas von mir. Niemand erwartete, dass ich schön, klug oder königlich sei.
Therapeut: Das klingt beinahe erleichtert.
Allerleirauh: Vielleicht war es das.
Therapeut: Könnte es sein, dass die Verkleidung nicht nur Schutz bot, sondern auch Freiheit?
Allerleirauh: Darüber habe ich noch nie nachgedacht.
Therapeut: Was löst dieser Gedanke aus?
Allerleirauh: Traurigkeit.
Therapeut: Warum?
Allerleirauh: Weil ich mich als Allerleirauh freier fühlte als als Prinzessin.
Therapeut: Das ist ein bemerkenswerter Satz.
Allerleirauh: Ja.
Therapeut: Wie würden die Menschen an Ihrem alten Hof darauf reagieren?
Allerleirauh: Sie würden es nicht verstehen.
Therapeut: Warum nicht?
Allerleirauh: Weil sie immer nur auf die äußere Seite geschaut haben.
Therapeut: Die Prinzessin.
Allerleirauh: Genau.
Therapeut: Und wer war die Frau darunter?
Allerleirauh: Ich weiß es nicht.
Therapeut: Vielleicht suchen Sie genau danach.
Allerleirauh: Möglich.
Therapeut: Später begegneten Sie einem jungen König.
Allerleirauh: Ja.
Therapeut: Was unterschied ihn von Ihrem Vater?
Allerleirauh: Diese Frage macht mich nervös.
Therapeut: Das ist oft ein Hinweis auf etwas Wichtiges.
Allerleirauh: Er sah mich.
Therapeut: Er sah Sie?
Allerleirauh: Zumindest glaubte ich das.
Therapeut: Nicht die Rolle?
Allerleirauh: Nicht nur die Rolle.
Therapeut: Und trotzdem zeigten Sie sich ihm zunächst nicht offen.
Allerleirauh: Nein.
Therapeut: Warum?
Allerleirauh: Weil ich niemandem mehr vertraute.
Therapeut: Verständlich.
Allerleirauh: Außerdem wusste ich selbst nicht mehr, wer ich war. Wie hätte ich mich jemandem zeigen sollen?
Therapeut: Das klingt nach einem zentralen Thema.
Allerleirauh: Welches?
Therapeut: Sie haben gelernt, sich zu verstecken. Erst als Prinzessin hinter Erwartungen. Dann als Allerleirauh hinter Fellen.
Allerleirauh: Und irgendwann wusste ich nicht mehr, was darunter übrig war.
Therapeut: Genau.
Allerleirauh: Das fühlt sich erschreckend treffend an.
Therapeut: Wenn wir Ihre Geschichte betrachten – wer hätte am meisten davon profitiert, wenn Sie unsichtbar geblieben wären?
Allerleirauh: Mein Vater.
Therapeut: Und wer profitiert heute davon?
Allerleirauh: Niemand.
Therapeut: Sind Sie sicher?
Allerleirauh: …
Therapeut: Was fällt Ihnen ein?
Allerleirauh: Ich selbst.
Therapeut: Inwiefern?
Allerleirauh: Wenn ich verborgen bleibe, kann mich niemand verletzen.
Therapeut: Und der Preis?
Allerleirauh: Dass mich niemand wirklich kennenlernt.
Therapeut: Das klingt nach einem Dilemma.
Allerleirauh: Ja.
Therapeut: Wenn Ihr Leben heute ein Märchen wäre – an welcher Stelle befänden wir uns?
Allerleirauh: Nicht am Ende.
Therapeut: Wo dann?
Allerleirauh: Bei dem Moment, in dem die Heldin vor der Tür steht und entscheiden muss, ob sie hinausgeht.
Therapeut: Was liegt hinter der Tür?
Allerleirauh: Ein Leben ohne Verkleidung.
Therapeut: Und was macht daran Angst?
Allerleirauh: Dass ich entdeckt werde.
Therapeut: Was macht daran Hoffnung?
Allerleirauh: Dass ich entdeckt werde.
Therapeut: Derselbe Satz.
Allerleirauh: Ja.
Therapeut: Vielleicht beschreibt das Ihr Thema genauer als alles andere.
Allerleirauh: Wahrscheinlich.
Therapeut: Was nehmen Sie aus der heutigen Sitzung mit?
Allerleirauh: Dass ich immer dachte, meine Geschichte handle von Flucht.
Therapeut: Und jetzt?
Allerleirauh: Vielleicht handelt sie von Sichtbarkeit.
Therapeut: Das scheint mir eine wichtige neue Perspektive zu sein.
Allerleirauh: Mir auch.
Therapeut: Dann lassen wir diese Frage bis zur nächsten Sitzung offen: Wer ist Allerleirauh, wenn weder die Prinzessin noch der Fellmantel sprechen?
Allerleirauh: Ich weiß es nicht.
Therapeut: Noch nicht.
Allerleirauh: Noch nicht.