
Therapeut: Wir sprachen in der letzten Sitzung über diesen beispiellosen Wutausbruch, der Sie zu mir geführt hat. Sie verwendeten die Formulierung, Sie hätten sich vor Zorn „mitten entzwei gerissen“. Das ist ein sehr starkes, fast psychotisches Bild für eine innere Fragmentierung. Können Sie mich noch einmal in diesen Moment mitnehmen?
Rumpelstilzchen: Bild? Fragmentierung? Ich habe mit dem rechten Fuß so gewaltig auf die Erde gestampft, dass ich bis an den Leib hineinfuhr. Und dann habe ich in meiner grenzenlosen Wut den linken Fuß mit beiden Händen gepackt und mich buchstäblich in zwei Hälften gerissen! Wissen Sie eigentlich, was das für ein Aufwand war, das beim Schneider wieder zusammennähen zu lassen? Es zieht jetzt immer noch leicht an der linken Flanke bei Wetterumschwüngen.
Therapeut: (Schreibt langsam etwas in seinen Notizblock) Verstehe. Sie somatisieren stark. Wir fassen dieses Erlebnis im Rahmen unserer Therapie als körperliche Entladung einer massiven narzisstischen Kränkung auf. Ihr Ich-Gefühl wurde derart bedroht, dass Ihr Selbst sprichwörtlich in zwei Teile zerfiel – ein Abwehrmechanismus, der die unerträgliche Spannung abbauen sollte. Was genau hatte die junge Frau – die Königin, wie Sie sie nennen – gesagt, um diese tiefe Spaltung auszulösen?
Rumpelstilzchen: Sie hat meinen Namen gesagt! Erst riet sie Caspar, Melchior, Balthasar, dann Heinz und Kunz, was schon eine Unverschämtheit an sich ist. Wer heißt denn heute noch Kunz? Und dann lächelte sie plötzlich so wissend, sah mich an und sagte: „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“
Therapeut: Und das Aussprechen Ihres Namens löste diesen autoagressiven Akt aus. Ein Name ist in der analytischen Theorie der Kern unserer Identität, das Symbol unseres Egos. Wenn jemand unseren wahren Namen kennt, fühlt es sich an, als hätte er Macht über uns. Fühlten Sie sich entblößt? Durchschaut?
Rumpelstilzchen: Ich fühlte mich betrogen und beraubt! Sie hatte mir das Kind versprochen! Das war ein absolut rechtmäßiger, mündlich geschlossener Vertrag. Ich helfe ihr aus der Patsche, rette ihr das Leben, und sie gibt mir im Gegenzug ihr Erstgeborenes. Das ist elementares Vertragsrecht!
Therapeut: Lassen Sie uns kurz bei den Bedingungen dieses Vertrages bleiben. Sie brechen nachts in ein königliches Schloss ein. Dort finden Sie eine junge Frau, weinend, offenbar in einer schweren Lebenskrise, eingesperrt mit einem riesigen Haufen Stroh. Und anstatt den Wachdienst zu rufen oder ihr tröstend beizustehen, verlangen Sie erst ihr Halsband. Und in der nächsten Nacht ihren Ring. Das sind sehr intime, bindungsrepräsentierende Gegenstände.
Rumpelstilzchen: Ich habe aus Stroh Gold gesponnen! Das ist eine hochspezialisierte Dienstleistung. Ich bin schließlich nicht die Heilsarmee. Was erwarten Sie? Dass ich unentgeltlich mein handwerkliches Geschick zur Verfügung stelle?
Therapeut: (Greift sich irritiert an die Schläfe) Entschuldigen Sie, ich muss hier kurz nachhaken, um das klinische Bild richtig einzuordnen und meine eigene Gegenübertragung zu klären. Sie sagen, Sie haben buchstäblich organisches Material – Stroh – in elementares Gold verwandelt?
Rumpelstilzchen: Ja, natürlich. Mit einem handelsüblichen Spinnrad. Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Was ist daran so schwer zu begreifen?
Therapeut: (Räuspert sich) Gut. Wir fassen das im Rahmen unserer Arbeit als eine wahnhafte Ausgestaltung einer extremen analen Sublimierung auf. Stroh – ein Abfallprodukt, wertlos, gewissermaßen Exkrement – wird durch zwanghafte, rhythmische Arbeit, das Spinnen, in Gold verwandelt. In das ultimative Wertobjekt. Das deutet auf eine sehr frühe Störung in der Autonomiephase hin. Haben Sie als Kind das Gefühl gehabt, Sie müssten extrem viel leisten und makellos produzieren, um überhaupt einen Wert für Ihre Bezugspersonen zu haben?
Rumpelstilzchen: (Schnaubt verächtlich) Meine Eltern kommen in meiner Geschichte gar nicht vor. Mein Wert wurde nie diskutiert, er war schlicht nicht vorhanden. Ich lebe allein im Wald. Aber ich habe mir alles selbst erarbeitet! Ich bin ein Selfmade-Mann! Ich habe das absolute Monopol auf Gold-aus-Stroh-Transmutationen!
Therapeut: Und doch reicht Ihnen dieser immense materielle Reichtum offenbar nicht. In der dritten Nacht verlangen Sie plötzlich kein Schmuckstück mehr von der verzweifelten Frau. Sie verlangen ein Kind. Warum ein Kind?
Rumpelstilzchen: Weil etwas Lebendiges mehr wert ist als alle Schätze der Welt.
Therapeut: Das ist ein bemerkenswerter, fast tragischer Satz. Nach all der zwanghaften Produktion von totem Gold sehnen Sie sich plötzlich nach etwas Lebendigem. Nach einem Objekt, das Sie lieben können? Oder das Sie unkonditioniert liebt?
Rumpelstilzchen: Ich wollte es aufziehen. Ihm das Spinnen beibringen. Ein kleines, feuerfestes Häuschen im Wald bauen. Es hätte ein gutes Leben gehabt!
Therapeut: Sie suchten eine Familie. Sie wollten die vollkommene Isolation des Waldes durchbrechen. Die Königin sollte gewissermaßen die Leihmutter für Ihren unbewussten Wunsch nach einer ödipalen Lösung sein. Sie retten die Jungfrau vor dem tyrannischen König – der sie ja weggesperrt hat –, aber anstatt den König herauszufordern, machen Sie gemeinsame Sache mit der Angst der Frau und fordern die Frucht ihrer Ehe.
Rumpelstilzchen: Das klingt ja, als wäre ich der Bösewicht! Ich war der Einzige, der ihr geholfen hat! Ohne mich wäre sie am Galgen gelandet! Der König ist der eigentliche Psychopath hier. Er entführt die Tochter eines Müllers, sperrt sie ein und droht ihr mit dem Tod, wenn sie nicht agrarische Nebenprodukte in Edelmetalle verwandelt! Und dann, als sie es scheinbar tut, heiratet er sie aus reiner Gier. Warum liegt der eigentlich nicht auf Ihrer Couch?
Therapeut: Ich gebe Ihnen völlig recht, die Objektwahl der Königin ist pathologisch und das Verhalten des Königs hochgradig missbräuchlich. Aber der König ist nicht mein Klient. Wir konzentrieren uns hier auf Ihre Anteile. Wir können das Verhalten des Hofes nicht ändern, nur Ihren Umgang damit. Lassen Sie uns zu der Szene zurückkehren, in der Ihr Name erraten wird. Wie konnte die Königin diesen Namen überhaupt herausfinden? Er war doch Ihr am besten gehütetes Geheimnis.
Rumpelstilzchen: Sie hat heimlich so einen herumschnüffelnden Boten in den Wald geschickt. Der hat mich beobachtet.
Therapeut: Er hat Sie beobachtet. Was haben Sie denn getan, als er Sie im tiefen Wald beobachtete?
Rumpelstilzchen: Ich habe ein Feuer gemacht. Und bin auf einem Bein darum herumgesprungen.
Therapeut: Ein archaisches Ritual. Und was taten Sie beim Springen?
Rumpelstilzchen: Ich habe gesungen.
Therapeut: Was genau haben Sie gesungen?
Rumpelstilzchen: (Murmelt unverständlich in seinen Kragen)
Therapeut: Ich habe Sie nicht verstanden. Der Widerstand ist gerade körperlich spürbar im Raum. Sprechen Sie es aus. Wir werten hier nicht.
Rumpelstilzchen: Ich sang: „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“
Therapeut: (Schweigt einen langen Moment) Sie haben also mitten im Wald, in unmittelbarer geografischer Nähe des Schlosses, Ihren eigenen, streng geheimen Namen in voller Lautstärke gesungen. In Reimform.
Rumpelstilzchen: Es war ein sehr eingängiger Rhythmus! Und ich war in Feierlaune! Das Backen und Brauen war an diesem Tag logistisch hervorragend gelungen.
Therapeut: Herr… Rumpelstilzchen. In der Psychoanalyse gibt es keine Zufälle. Wir nennen so etwas eine unbewusste Selbstsabotage. Einen klassischen Freudschen Fehlakt der extremsten Sorte. Warum, glauben Sie, brüllt jemand sein tiefstes, schützenswertestes Geheimnis laut in den Wald, wenn er doch eigentlich will, dass es absolut niemand erfährt?
Rumpelstilzchen: Weil ich eine furchtbare Akustik in meiner Hütte habe und gerne an der frischen Luft singe?
Therapeut: Nein. Weil ein verdrängter Teil von Ihnen wollte, dass man Sie hört. Weil Sie es nicht mehr ertragen haben, unsichtbar zu sein. Sie sagten vorhin, ein Kind sei mehr wert als alle Schätze der Welt. Aber tief in Ihrem Unbewussten wussten Sie bereits: Sie können sich keine Bindung erkaufen. Weder mit Gold noch durch emotionale Erpressung. Sie wollten, dass die Königin Ihren Namen kennt. Sie wollten als das verletzliche Individuum erkannt, benannt und vielleicht sogar angenommen werden, das Sie in Wahrheit sind.
Rumpelstilzchen: (Wippt extrem nervös mit dem rechten Fuß) Das ist doch… unverschämte Küchenpsychologie. Ich wollte einfach nur das Kind. Eine Arbeitskraft. Einen Erben.
Therapeut: Wenn Sie nur das Kind gewollt hätten, hätten Sie es in der Nacht einfach holen können. Es gab einen Vertrag. Aber Sie gaben ihr drei Tage Zeit. Sie gaben ihr eine Chance, ein Rätsel. Sie haben den königlichen Boten durch Ihr lautes Singen am Feuer praktisch eingeladen, Sie zu belauschen. Sie haben unbewusst ein komplexes Spiel inszeniert, dessen einziger Zweck es war, dass am Ende eine wunderschöne Frau vor Ihnen steht, Ihnen in die Augen sieht und Ihren wahren Namen ausspricht.
Rumpelstilzchen: (Die Stimme bricht leicht, das Wippen hört auf) Sie hat mich danach ausgelacht. Der ganze Hofstaat hat gelacht.
Therapeut: Und da sind wir am absoluten Kern Ihres Traumas angelangt. Die tiefste Sehnsucht nach Intimität und Wahrnehmung wurde mit spöttischer Zurückweisung beantwortet. In diesem Moment brach Ihr prekäres Selbstkonzept endgültig zusammen. Der unbändige Zorn, der Sie dazu trieb, sich selbst in zwei Hälften zu zerreißen, galt in Wahrheit gar nicht der Königin. Er galt Ihnen selbst. Sie schämten sich furchtbar für Ihr eigenes, menschliches Bedürfnis nach Liebe.
Rumpelstilzchen: (Vergräbt das Gesicht in seinen kleinen Händen, die Schultern beben leicht) Es ist alles so anstrengend. Dieses ewige Spinnen. Das Gold ist so unfassbar kalt. Und Stroh kratzt ungemein an den Händen.
Therapeut: Das glaube ich Ihnen. Der innere Zwang, ununterbrochen materielle Leistung erbringen zu müssen, in der Hoffnung, dadurch einen Funken Zuwendung zu bekommen, ist extrem erschöpfend. (Schaut behutsam auf die Uhr) Unsere Zeit für heute ist leider um. Aber ich denke, wir haben in dieser Sitzung einen entscheidenden Zugang zu Ihrer inneren Dynamik gefunden. Für die nächste Woche möchte ich Ihnen eine kleine Aufgabe mitgeben.
Rumpelstilzchen: (Schaut auf, wischt sich über die Augen) Soll ich meine Träume aufschreiben? Frei assoziieren?
Therapeut: Nein. Wenn Sie in den nächsten Tagen das Bedürfnis spüren, mit dem Fuß vor Wut durch die Dielen zu brechen… versuchen Sie vorher einen Moment innezuhalten und laut zu sich selbst zu sagen: „Ich bin traurig, weil ich mich allein fühle.“ Und keine Sorge: Sie müssen es diesmal nicht singen.